Behinderung
aus
"Unter dem Auge der Uhr" (Christopher Nolan):
(ein autobiographischer
Bericht eines Spastikers;
ein wacher, klarer Verstand in einem Körper, der keinem Willen gehorcht)
"Ein gehirngeschädigter Säugling kann nicht darüber nachdenken, weshalb
seine Mutter mit ihm nicht zu kommunizieren vermag. Erfährt er von seinen
Eltern weder Liebe noch Anregung, ist er aufgeschmissen; dann errichtet die
Retardierung uneingeschränkt ihr nervtötendes Regiment."
(Er sei sich des kolossalen Opfers bewusst, das seine Familie auf sich nehme,
indem sie ihn versorge, doch müsse er seiner Berufung folgen.)
Obwohl die Zukunft für Säuglinge, wie er einer gewesen sei, so
vielversprechend wie nie zuvor aussehe, missbillige die Gesellschaft die
Vorstellung, dass auch spastische Neugeborene ein Recht auf Leben hätten. Es
werde angedroht, Kinder wie ihn abzutreiben, ihre Behinderung schon im
Mutterleib ausfindig zu machen, den Mutterschoß zu durchpflügen, ihren
Müttern Angst vor ihnen einzujagen und sie dem Tod anheimzugeben, und doch sei
der spastische Säugling stets jene Seele, die niemals töten, verstümmeln, der
Lüge verfallen oder hasserfüllt gegen Brüderlichkeit sein werde. Weshalb dann
fürchtet die Gesellschaft das verkrüppelte Kind, sinnierte Joseph laut,
weshalb bejubelt sie das unversehrte und frohlockt über den, der später einmal
zum Henker taugen mag?
Dank der unerbittlich aufopfernden Lebensführung seiner Familie hatte er es bis zur Universität gebracht. Wenn er im Hörsaal saß, fütterte und blähte er sich mit Wissen. "..." Er suchte nach Anzeichen von Leichtgläubigkeit in den Beobachtungen, die er während seiner einsamen Lektüre anstellte. Über liliensüßes Wissen jubelnd, runzelte er die Stirn angesichts der Größe von James Joyce. Da er ihm ruhmsüchtig nacheifern wollte, strebte er von seinem Tiefstpunkt aus danach, sein einziges Talent für eine salzige Bastardsprache, eine Art Brailleschrift, einzusetzen, so dass die Leute, die ihn lasen, der instinktiven Auffassung der Menschheit entsagten, sprach-lose Krüppel müssten für immer als Untergebene des labernden Establishments umherkriechen.
Er
trottete nach Westen, Er krabbelte nach Osten, Er streckte sich nach Norden,
Er wirkte verloren und schlug sich durch nach Süden,
Versehrtheit sein trauriges Los.
Meine
Tochter, ein Baby für immer
(Mary Burbridge über das Leben mit ihrer geistig schwerbehinderten
Tochter; aus der "Melbourner Age")
"Ich habe ein süßes Baby. Eine geduldige, friedliche Tochter, die sich
gemütlich in ihr Schaffell kuschelt und mich verschlafen anlächelt, wenn ich
zur Tür hereinkomme. Sie setzt sich auf, wippt fröhlich und öffnet die Arme
zu einer Umarmung. Ich hebe sie aus ihrem Bett, und wenn ich sie mit beiden
Händen halte, läuft sie auf unsicheren Beinen zum Badezimmer, damit ich ihre
Windeln wechseln kann. Sie ist in einer herrlichen Phase, sie hilft beim An- und Ausziehen, hält
selbst den Löffel und kleckert alles voll; sie läuft an den Möbeln entlang
und zieht und zerrt an allem, was ihr unter die Finger kommt. Sie liebt alle
Arten von Musik: die aufziehbare Spieluhr, die Lieder, die ich ihr vorsinge. Sie
klimpert mit Begeisterung auf dem Klavier, klatscht in die Hände und spielt
für ihr Leben gern Fingerspiele. Sie genießt Spaziergänge in der Sonne und
rupft die Blüten von den Blumen am Wegesrand, und in einem warmen Schwimmbad
oder in der Badewanne platscht und lacht sie ohne Ende.
Ich habe dieses süße Baby nun schon seit 20 Jahren, und wenn nicht etwas
Unerhörtes passiert, liegen weitere 20 Jahre vor uns. Sie befindet sich schon
seit langem in diesem entzückenden Stadium eines sieben bis neun Monate alten
Kindes, und ich erwarte keine großen Veränderungen. Das süße, unschuldige
Babygesicht, das keine Spuren von Verlust, Enttäuschung oder Verärgerung
zeigt, ist ihr genauso geblieben, wie ihre vielen blonden Locken. Aber ihr
Hormonhaushalt ist der einer jungen Frau, einer drallen, kräftigen, fast
dicklichen jungen Frau mit Aknepickeln im hübschen Gesicht. Ihr Haar ist zwar
dunkler geworden, aber immer noch ihre größte Zierde. Wie oft war ich schon
dankbar dafür, denn wenn andere Leute sich in ihrer Gegenwart unwohl fühlen,
so gelingt es ihnen meistens doch, über ihr wunderschönes Haar zu sprechen,
und das hilft.
Andere hat mit ihren "ewigen Babys" ein viel härteres Los getroffen.
Endlose Jahre mit einem mürrischen, schreienden Kind, jede Mahlzeit ein Kampf
gegen spuckenden Widerstand, jede Handlung ein Anlass zu Krampf und Schmerz.
Oder ein Kind mit völlig intaktem Bewegungsapparat, das unfähig ist, auf
"Nein" oder "Halt" zu reagieren und den ganzen Tag, mit
jährlich zunehmender Körperstärke und kräftigen Hormonschüben in der
Jugend, aktiv ist, ohne jedoch besänftigende blonde Locken zu haben.
Einige Mütter, die sich wie ich damit abgefunden hatten, dass ihre Kinder
schwerstbehindert waren, fanden sich schließlich zusammen und gründeten eine
spezielle Spielgruppe. Wir besprachen unsere Schuldgefühle, unsere Trauer und
Enttäuschung und unseren Zorn, während wir mit unseren "Babys"
spielten, und wir knüpften dauerhafte Kontakte. Ein schwerstbehindertes Kind zu
versorgen ist eine enorme Aufgabe, wie die Pflege eines Babys auch, aber wenn
Hilfe verfügbar ist, dann kann man sie bewältigen. So gelang es uns allen,
auch im Leben unserer anderen gesunden Kinder unsere Rolle auszuüben,
teilzeitweise zu arbeiten und unsere Kinder in Tagesstätten unterzubringen.
Unsere Ehen haben trotz allem überlebt, und gemeinsame Familienferien waren
ebenfalls möglich.
Außerdem haben wir uns dafür eingesetzt, die bestmöglichen Bedingungen für
unsere behinderten Kinder und alle anderen Behinderten und ihre Pfleger zu
bekommen. "..."
Wenn unsere
Kinder dem Gesetz nach volljährig werden, stehen wieder Entscheidungen und neue
Kämpfe an. Wir müssen für entsprechende andere Programme sorgen, wenn die
Schulen nicht mehr zuständig sind, und nach Möglichkeiten zur
Langzeitunterbringung suchen, wenn die Zeit kommt, wo sie uns verlassen werden.
Die meisten Leute erwiesen sich als sensibel und hilfsbereit, und wenn ich
Unterstützung brauchte, konnte ich immer auf verschiedene Dienstleistungen
zurückgreifen, so dass die Jahre mehr oder weniger problemlos vergingen.
Aber es gab auch Hindernisse und Verletzungen: Da war zB der ideologisch
verhärtete Beschäftigungstherapeut, der alle Spielsachen und die Spieluhr vom
Rollstuhl meiner Tochter entfernte, da sie nicht "altersadäquat"
wären. (Stattdessen bekam sie ein Buch, ein Schachspiel und eine Kassette mit
Rockmusik, die sie binnen kurzer Zeit mit ihren Fäusten und Zähnen ins
Jenseits beförderte.) Oder die an Brutalität grenzende Offenheit des
Arztes, zu dem wir wegen eines Kruppanfalls geeilt waren: "Ich kann ihre
Tochter stationär aufnehmen lassen, aber zu Hause ist sie besser aufgehoben.
Kinder wie sie werden hier nicht allzu gut behandelt."
Oder der Schuft, der mich verklagte, weil ich einen Aufkleber an meinem Auto
hatte, der mir erlaubte, auf Behindertenparkplätzen zu parken.
Manchmal fällt es mir schwer, für meine Tochter Entscheidungen zu
treffen. "..."
"Warum soll sie einen BH tragen?" fragte ich mich, aber angesichts der
physischen Realitäten erübrigte sich diese Frage alsbald. "Welche Kleider
soll sie tragen?" Ich kleide sie normalerweise bequem und praktisch, aber
raube ich ihr damit nicht vielleicht ihren jugendlichen Stolz und verletze ich
damit nicht ihre Menschenwürde? Soll ich sie so anziehen wie ihre Schwester,
ihr zuliebe modische Maßstäbe setzen? Was würde sie selbst wählen, wenn sie
könnte, und spielt das überhaupt eine Rolle, da sie ja nicht dazu in der Lage
ist? (Diese Fragen drängen sich in unbequemer Weise auf, wenn man im
Behindertenbereich tätig ist.)
Waren es
eigennützige Motive oder war es im Sinn meiner Tochter, dass ich mich
schließlich entschloss, sie operieren zu lassen, damit sie nicht mehr
menstruierte? (Solche Entscheidungen treffen Familienangehörige nicht allein,
das zuständige Amt stimmte aber mit uns darin überein, dass eine solche
Operation zu ihrem Besten sei.)
In der Vergangenheit wurden Kinder wie unsere schon in frühester Kindheit in
Anstalten untergebracht. Selbst Eltern von wesentlich weniger behinderten
Kindern wurde empfohlen, sie nicht zu Hause zu pflegen. "Stecken Sie sie in
ein Heim und vergessen Sie sie!", riet man ihnen, und viele folgten dieser
Empfehlung.
Ich habe kürzlich einige Zeit in einer größeren Anstalt zugebracht, wo ich
Treffen mit Behinderten, ihren Eltern und ihren Pflegern organisierte. Dabei
fiel mir ein interessantes Phänomen auf: Die Bewohner des Heims waren alle um
die dreißig, und viele von ihnen hatten schon zwanzig oder mehr Jahre in
Anstalten verbracht. Das Personal war ständig um sie herum und kümmerte sich
um all ihre körperlichen Bedürfnisse, dennoch staunte ich wiederholt darüber,
wie eng doch die Bindung an ihre Eltern geblieben war. Sie konnten ihren Eltern
gar nicht nah genug kommen, sie kaum aus den Augen lassen und es kaum ertragen,
wenn ihre Aufmerksamkeit kurzzeitig anderweitig gefangen war. Da war die plumpe,
sprachlose Frau, die sich unter größten Anstrengungen von der einen zur
anderen Tischseite vorarbeitete, um sich auf den Schoß ihres Vaters zu setzen
und ihr Gesicht an seines zu pressen. Es machte mich traurig, daß man diese
Leute nie ermuntert hatte, ihr Kind länger zu Hause zu behalten und das
Positive aus dieser so offenkundigen Liebe mitzunehmen.
Heutzutage kommen weitaus weniger Kinder behindert zur Welt.
Vorsorgeuntersuchungen, genetische Beratung und bessere Geburtshilfe haben
erheblich dazu beigetragen. Durch spezielle Tests in der Frühschwangerschaft
können viele Fehlbildungen oder Anormalitäten festgestellt werden, und den
Eltern steht es in einem solchen Fall offen, die Schwangerschaft abzubrechen.
Natürlich würden sich nur wenige Eltern entschließen, ein schwer behindertes
Kind zur Welt bringen, wenn sie es umgehen könnten, aber die neuen
Möglichkeiten, eine Gesellschaft zu schaffen, die weitgehend frei von
Behinderten ist, bedürfen genauerer Betrachtung.
Welche Botschaften vermitteln wir den behinderten Mitgliedern unserer
Gesellschaft hinsichtlich ihres Wertes, ihres Existenzrechtes und ihres
Anspruchs auf Hilfe? Wird die Gesellschaft solchen Eltern, die wissentlich ein
behindertes Kind zur Welt bringen, die Unterstützung verweigern? Werden selbst
unerhebliche Defekte so lange ausgelöscht, bis nur noch der perfekte Mensch
toleriert wird? Und was bedeutet das für die Menschen, deren Missbildungen und
Behinderungen vor der Geburt nicht erkennbar waren oder ihnen erst später
widerfahren sind?
Eine Freundin von mir ließ kürzlich eine Fruchtwasserpunktion vornehmen, weil
der Fötus in ihrer ersten Schwangerschaft einen so ernsten Defekt aufwies, dass
ein Schwangerschaftsabbruch nötig war. Diesmal teilte man ihr mit, dass ein
anderes Problem vorlag: Down-Syndrom. Der Termin für den
Schwangerschaftsabbruch sollte zwei Tage später sein. Man bot ihr
keinerlei Beratung an, niemand besprach mit ihr, was es bedeutet, ein Kind mit
Down-Syndrom großzuziehen, oder welche Faktoren bei ihrer Entscheidung zu
berücksichtigen wären. Niemand konnte nachvollziehen, dass sie überhaupt eine
Entscheidung zu treffen hatte. Dabei fiel es ihr sehr schwer, sich für oder
gegen das Kind zu entscheiden. Nach vielen Tränen kam sie zu dem Entschluss,
dass ein behindertes Kind sie in ihrer Situation wirklich überfordern würde.
Die Haltung, die die Ärzte bei der ganzen Sache an den Tag legten, ist doch
ziemlich beunruhigend.
So, was will ich mit all dem sagen?
Es wird immer Kinder mit Behinderungen geben, und wenn Sie davon betroffen sind,
dann bedeutet das nicht das Ende jeglicher Lebensfreude, weder für Sie noch
für das Baby. Niemand kann mit Gewissheit voraussagen, wie das Leben des Kindes
sich entwickeln und welche Möglichkeiten es vielleicht haben wird. Es wird
nicht das Leben sein, das Sie sich während der Schwangerschaft erträumten,
aber es ist das Leben Ihres Kindes. Seine Behinderung wird Sie veranlassen,
über das Leben intensiver nachzudenken, darüber, welchen Sinn es hat zu leben
und welche Dinge im Leben wirklich wichtig sind. Ihre Vorstellungen darüber
werden sich sehr verändern. Auch Ihr Leben wird nicht Ihren Träumen
entsprechen, aber es wird ein erfülltes, reiches Leben sein und es kann ein
sehr freudvolles Leben werden.
aus
"Lernen können ja alle Leute" (Iris Mann):
(Erfahrungen und Gedanken zu Normalität und Anormalität;
ein
anderer Blick auf Behinderung)
Bevor
ich in der Werkstatt für Erwachsene mit geistiger Behinderung meinen Dienst
begann, ging ich durch die verschiedenen Abteilungen der Werkstatt, um die
Arbeit kennenzulernen. Ein Gruppenleiter gab mir eine blaue Schürze und sagte:
"An dieser Maschine werden Schellen gebogen." Er zeigte mir die
Handgriffe und ich begann. Plötzlich trat ein Vertreter in den Werkraum und
sprach mich an: "Ja was machst Du denn da?" Ich antwortete: "Das
sind Schellen für Heizungen." Als der Gruppenleiter ihn sah, stellte er
mich vor: "Das ist Frau Dr. M., sie will hier Erfahrungen in unserer
Werkstatt sammeln-." Der Vertreter verschwand rückwärts aus der Tür,
ohne ein Wort zu sagen. Der Gruppenleiter ging ihm nach. Als beide draußen
waren, brach ein Gelächter unter den Beschäftigten aus: "Der hat gedacht,
Sie sind behindert." Prusten, Kopfschütteln. Ich fragte die
Beschäftigten: "Warum lachen Sie? Es ist doch klar, daß ich von dem
Augenblick an, von dem ich diese Arbeit hier mache, als eine von Ihnen angesehen
werde. Menschen werden als das angesehen, was sie berufsmäßig
darstellen-." Das Lachen hörte nicht auf. "Der hat gedacht, dass Sie
behindert sind, dann hört er, dass Sie Doktor sind-."
Ich habe lange über den Humor der Beschäftigten nachgedacht. Humor ist ein
Ausdruck von Wissen. Ich erinnerte mich daran, wie ich als Studentin Filme über
die Antipsychiatriebewegung in Italien sah. Ein Film begann damit, dass ein Herr
mit blauem Anzug und Nickelbrille das italienische Modell darstellte. Ich war
überzeugt, dass dieser Herr Doktor B. sei, und hörte ihm mit großem Respekt
zu. Plötzlich traten zwei Männer in den Raum. Ich hörte neben mir ein
Flüstern: "Das ist er." Ich fragte: "Wer?"
"B." "Wer?" "Der im braunen Rolli." Ich war
völlig verwirrt und fragte: "Wer war denn der im blauen Anzug?"
"Ein Insasse." "..."
Wie geistreich ist ein Kind, wenn es geboren wird? Was kann es außer schreien,
schlucken, saugen, greifen? Niemand weiß, wie sich die Sinne, die Sprache, das
Handeln, das Denken, das soziale Gewissen des Neugeborenen entwickeln werden.
Das gilt für jedes Kind.
"Alle eindeutig psychologischen Besonderheiten des defektiven Kindes sind
ihrer Grundlage nach nicht biologischer, sondern sozialer Natur. Möglicherweise
ist die Zeit nicht mehr fern, da die Pädagogik es als peinlich empfinden wird,
von einem defektiven Kind zu sprechen, weil es ein Hinweis darauf sein könnte,
es handle sich um einen unüberwindlichen Mangel der Natur. In unseren Händen
liegt es, so zu handeln, dass das gehörlose, das blinde, das schwachsinnige
Kind nicht defekt ist. Dann wird auch das Wort selbst verschwinden, das
wahrhafte Zeichen für unseren eigenen Defekt." "..."
Oft werde ich
von Besuchern der Werkstatt gefragt: "Gibt es eine Erklärung dafür, dass
die geistig Behinderten so freundlich sind?"
Ein Arzt der chinesischen Medizin sagte zu mir: "Die Natur duldet keine
Ungereimtheiten. Wenn jemand mit einem Mangel geboren wird, dann muss er sich,
um sein Leben zu erhalten, ein Plus schaffen." Er erzählte in diesem
Zusammenhang, dass es Indianerstämme gebe, die Menschen mit Behinderung mit
größter Ehrerbietung begegnen, diese oft als Schamanen auswählten, weil sie
besondere Fähigkeiten entwickelt hatten.
Über diese besonderen Fähigkeiten von Menschen mit Behinderungen berichtet der
Leiter einer Nervenklinik in New York: "Was war da los? Aus der
Aphasiestation drang, gerade als die Rede des Präsidenten übertragen wurde,
lautes Gelächter, und dabei waren doch alle so gespannt darauf gewesen. Die Patienten verstanden zwar die Worte des Präsidenten nicht, aber sie
erkannten, dass er die Unwahrheit sagte. Folglich war es die Mimik, die
schauspielerischen Übertreibungen, die aufgesetzten Gesten und vor allem der
falsche Tonfall, die falsche Satzmelodie des Redners, die diesen sprachlosen,
aber ungeheuer sensiblen Patienten heuchlerisch erschien." Eine
andere Patientin hingegen litt darunter, dass ihr jeder Begriff von Ausdruck und
Ton fehlte, während ihr Verständnis für Wörter unverändert erhalten
geblieben war. Ihr Krankheitsbild war das genaue Gegenteil einer Aphasie:
"Er ist nicht überzeugend... Er spricht keine gute Prosa und er gebraucht
die falschen Worte. Entweder ist er hirngeschädigt oder er hat etwas zu
verbergen."
Das war also das Paradoxon der Präsidentenrede. Wir "Normalen" wurden
zweifellos beeinflusst durch unseren Wunsch, hinters Licht geführt zu werden.
Die Täuschung durch die Worte war, in Vereinigung mit der Täuschung durch den
irreführenden Tonfall, so gekonnt, dass nur die Hirngeschädigten davon
unbeeindruckt blieben. Die Unfähigkeit der "Normalen", vorurteilslos
zu sein, kann nur im Zusammenhang mit den gesellschaftlich herrschenden
Wertesystem begriffen werden, in dem der Profit als Grundwert herrscht.
"§97"
(österreichisches
StGB):
(Straflosigkeit
des Schwangerschaftsabbruchs;
lebensunwertes
Leben?, wer maßt sich an, darüber zu entscheiden?)
Dieser Paragraph des Strafgesetzbuches sieht unter anderem vor, dass ein Schwangerschaftsabbruch straffrei bleibt wenn "... eine ernste Gefahr besteht, dass das Kind geistig oder körperlich schwer geschädigt sein werde". Dieser Passus legitimiert die Abtreibung im Falle des Verdachtes auf eine Behinderung des Kindes bis zur Geburt und stellt eine eindeutige und eklatante Diskriminierung behinderter Menschen dar und steht damit im Widerspruch zu Artikel 7 der österreichischen Bundesverfassung.
Abtreibung
aufgrund eugenischer Indikation basiert ausschließlich auf der Frage, ob das
potentielle Kind den gesellschaftlichen Werten und Normen entspricht oder
nicht.
Sie ist eine selektive biopolitische Maßnahme, die Behinderung verhindern will.