Das Problem mit den -Innen
Zitate:
"Also ich hab immer ein
"L" gelesen!"
"Ich bin dafür, daß man´s ausschreibt, soviel Zeit muss sein!"
"Und die -Innen muss man immer zuerst nennen!"
"Aufgrund der Emanzipation sind bei mir jetzt alle blöden Autofahrerinnen
weiblich!"
"Mit dem neuen Wort ´Gästin´ geht mir die neumoderne feministische Sprachvergewaltigung doch zu weit."
Aus: "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod" (Bastian Sick)
Kolleginnen und Kollegen, Rentnerinnen und Rentner, StudentInnen und
SchülerInnen -
wie kein anderes Volk auf der Welt sind wir ein Volk der Bürgerinnen und Bürger.
Doch wo bleiben die Steuerhinterzieherinnen, die Extremistinnen und die
Schwarzfahrerinnen?
Grimmig blickt der Boss in die
Runde: "Es muss sich was ändern !", sagt er.
Ohrfeigen-Toni kratzt sich ratlos am Hinterkopf. Automaten-Ede starrt wie immer
gelangweilt auf seine Fingernägel.
"Was meinst du denn, Boss", fragt er, "was soll sich ändern?" "Wir müssen was
für unser Image tun! Wir müssen freundlicher werden, vor allem zu den Frauen!"
Verdutztes Schweigen. "Freundlicher? Zu den Weibern? Aber wir sind doch schon
freundlich genug, Boss! Wir machen ihnen teure Geschenke, lassen sie mit unserer
Kreditkarte einkaufen..."
"Das reicht aber nicht! Die Frauen von heute verlangen mehr. Sie wollen vor
allem ... Respekt! Und Chancengleichheit! Hier steht es, überzeugt euch
selbst!" Wahllos greift er in einen Stapel bedruckten Papiers vor sich,
fischt etwas heraus und liest vor: "Die Lehrerinnen und Lehrer unserer Schule
haben im letzten Jahr ... blah, blah, blah ... dann hier: ... die Aktion, an der
sich dreihundert Schülerinnen und Schüler beteiligten..." Er wirft das
Blatt in die Luft, greift sich ein anderes und liest: "Der Ausschuss der
Studentinnen und Studenten der Universität hat beschlossen ... blah, blah, blah"
Das nächste: "Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unseres Betriebes ... blah,
blah, blah." Erwartungsvoll sieht er seine Mitarbeiter an: "Na, merkt ihr, was
da abgeht?" "Ziemlich viel blah, blah, blah", sagt Automaten-Ede gelangweilt,
"was soll der Mist? Willst du uns zu Tode langweilen?" "Es geht um die Frauen!",
schreit der Boss und knallt die Faust auf den Tisch. "Kein Rundschreiben, keine
Mitgliederbroschüre, kein Flugblatt mehr, auf dem die Frauen nicht extra erwähnt
würden!" "Und was geht uns das an?", fragt Ohrfeigen-Toni achselzuckend. Der
Boss wirft ihm einen verächtlichen Blick zu: "Du verstehst eben nichts von
modernen Unternehmensführung. Wer konkurrenzfähig bleiben will, kann nicht
länger so tun, als wären die Frauen Luft! Er muss sie erwähnen, in jeder Rede,
in jedem Satz! Sonst gilt man als frauenfeindlich, und dann ist man ganz schnell
weg vom Fenster!" "So wie der Balkan-Ali, der ist auch weg vom Fenster", fällt
Automaten-Ede ein, "nachdem er seine Alte im Suff die Treppe runtergestoßen
hat."
Der Boss hat die Zeichen der Zeit
erkannt. In anderen Ländern mag es zweisprachige Schulen und zweisprachiges
Fernsehen geben, bei uns gibt es die zweigeschlechtliche Anrede. Alles, was
gedruckt oder gesendet wird, wird doppelt adressiert, einmal an die männlichen
und einmal an die weiblichen Empfänger: die sehr verehrten Zuschauer und
Zuschauerinnen, die geschätzten Leserinnen und Leser und die lieben Hörerinnen
und Hörer.
Heute haben es die Arbeitgeber nicht nur mit Arbeiterinnen und Arbeitern zu tun,
sondern auch mit Gewerkschafterinnen, Betriebsrätinnen, Geschäftsführerinnen und
Gesellschafterinnen. Hätten Marx und Engels das vorausgesehen, hätten sie ihren
berühmten Aufruf "Vereinigt euch!" gewiss an die "Proletarierinnen und
Proletarier aller Länder" erlassen.
Immer neue SchülerInnengenerationen
wachsen mit der Innenmajuskel heran, einem umstrittenen typographischen
Notbehelf, mit dem man zusammenpresst, was man zuvor verdoppelt hat. Vom
Schulbuch über Rundschreiben, Flugblätter bis zum ersten Zeitungsabonnement
haben die jungen Leute gelernt, dass es für jede Berufsbezeichnung und
Gruppenzugehörigkeit eine weibliche und eine männliche Form gibt. Ausnahmslos.
Und wo die weibliche Form bislang fehlte, da wird sie erschaffen; notfalls wird
Adam die Rippe mit Gewalt herausgebrochen. 100 Jahre Frauenbewegung haben unsere
Gesellschaft deutlich verändert - und unsere Sprache auch.
Längst hat jeder Politiker die "Innen" in diesem Lande verInnerlicht. Viel zu
groß ist die Angst, als antiemanzipatorisch und reaktionär gebrandmarkt zu
werden, denn das ist gleichbedeutend mit unwählbar. So spricht jeder heute ganz
selbstverständlich von den Wählerinnen und Wählern, den Europäerinnen und
Europäern, den Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern. Daran haben wir uns
inzwischen alle gewöhnt.
Man kann bei allzu tiefer Verneigung vor dem weiblichen Geschlecht aber auch
schon mal auf die Nase fallen: Immer wieder kommt es vor, dass eilfertig von der
"ersten weiblichen Präsidentin" eines Landes oder der "ersten weiblichen
Pilotin" einer Fluggesellschaft berichtet wird.
Geradezu grotesk wird es, wenn das zu verweiblichende Hauptwort in Wahrheit gar
nicht männlich, sondern sächlich ist, so wie das Mitglied, das sich, zu
Mitgliederinnen" vervielfältigt, recht seltsam anhört. An der Uni empfängt man
die Erstsemesterinnen und Erstsemester", und wer mit jungen Menschen zu tun hat,
der unterscheidet ganz selbstverständlich zwischen Teenager und Teenagerin,
obwohl der Teenager laut Lexikon ein "Junge oder Mädchen im Alter zwischen 13
und 19 Jahren" ist.
Bekanntlich ist die Kirche eine eher konservative Instutution, dort setzt man
sich länger als anderswo gegen sprachliche Moden zur Wehr; sonst würden die
Gottesdienstbesucher (und -besucherinnen) womöglich schon hier und da als
"Liebe Gläubiginnen und Gläubige" begrüßt.
Nicht jeder, der sein Brot in Forschung und Lehre verdient, hält es durch,
ständig von "Studentinnen und Studenten", von "Doktorandinnen und Doktoranden",
von Assistentinnen und Assistenten" zu sprechen. So machte man sich auf die
Suche nach Pluralwörtern, die bereits beide Formen enthalten - und wurde auch
fündig: Kurzerhand ersetzte man "Studentinnen und Studenten" durch
"Studierende". Das war deutlich kürzer und trotzdem noch politisch korrekt.
Leider allerdings ein grammatikalischer Missgriff: "Studierend" ist nur, wer im
Moment auch wirklich studiert, so wie der Lesende gerade liest und Arbeitende
gerade arbeitet. Ein Leser kann auch mal fernsehen und ein Arbeiter Pause
machen. Der Lesende aber ist kein Lesender mehr, wenn er das Buch aus der Hand
legt, und so ist auch der Studierende kein Studierender mehr, wenn er zum
Beispiel auf die Straße geht, um gegen Sparmaßnahmen zu demonstrieren.
Doch lassen wir uns durch Partizipien nicht von Prinzipien ablenken.
Sprachästhetik hin oder her, es stellt sich die Frage, ob bei der Feminisierung
der Sprache überhaupt konsequent durchgegriffen wird. Denn wer genau hinsieht,
muss feststellen, dass die weibliche Form längst nicht in allen Zusammenhängen
angewendet wird. Kann man/frau das durchgehen lassen?
Als jemand im Zusammenhang mit dem Thema Dauerarbeitslosigkeit den Begriff
"Faulenzer" aufbrachte, löste er damit einen Sturm der Entrüstung aus.
Allerdings hat sich niemand darüber ereifert, dass er die "Faulenzerinnen"
unterschlagen hatte. Nirgends gab es Beiträge zur "Faulenzerinnen-Debatte".
Hat der Bundestag sich schon jemals mit Steuerhinterzieherinnen und
Steuerhinterziehern auseinandergesetzt? Interessiert es wirklich niemanden, wie
viele Schwarzfahrerinnen und Schwarzfahrer jedes Jahr erwischt werden? Wo
bleiben, wenn die rede von Sozialschmarotzern und Leistungserschleichern ist,
die Sozialschmarotzerinnen und Leistungserschleicherinnen?
Sie zu unterschlagen bedeutet positive Diskriminierung. Und wollte man der
Diskriminierung nicht gerade entgegentreten?
Im Hinterzimmer einer zwielichtigen Kneipe ist man nach wie vor fest dazu
entschlossen:
"Du meinst also, dass wir die Wei ... äh, die Frauen in Zukunft immer mit nennen?", fragt Ohrfeigen-Toni verunsichert. "Ganz genau! Ab sofort heißt es Leibwächterinnen und Leibwächter, Kurierinnen und Kuriere, Dealerinnen und Dealer." "Hältst du das für eine gute Idee, Boss?" "Na klar! Meine Ideen sind immer gut! Und jetzt rufst du die Negerinnen und Neger von der neuen Schnellreinigung an und sagst, wenn sie nicht bis morgen zahlen, dann schicken wir ihnen unsere Schlägerinnen und Schläger auf den Hals!"