Behinderung und Kultur

 

Falldarstellungen:

1. Jeff kommt als gesundes Kind in Kalifornien zur Welt. Als Folge eines Unfalls im Vorschulalter sind seine Beine gelähmt. Er besucht die regulären Schulen seines Wohngebietes, wobei ihm vom Schulausschuss seiner Gemeinde in den ersten Jahren ein spezieller Fahrdienst zur Verfügung gestellt wird. Er ist einer der besten Schüler in der Klasse. In der Highschool hat er aber deutlich weniger Kontakte in seiner Freizeit als seine Mitschüler, so dass er sehr viel Zeit vor seinem Computer verbringt. Er absolviert schließlich ein Informatikstudium und arbeitet als hochbezahlter Spezialist bei einer Software-Firma. Er kauft sich eine behindertengerechte Wohnung in einer großen Wohnlage, die überwiegend von Singles bewohnt wird und fährt ein behindertengerecht umgebautes Auto.

 

2. Semiatou ist eine junge Frau in einem westafrikanischen Land. Im Nachbardorf gibt es eine Primarschule in der der Unterricht in französischer Sprache erfolgt. Ein Teil der Kinder des Dorfes besucht diese Schule. Wer dort hin geht muss Schulgeld zahlen und eine Schuluniform tragen. Semiatous Familie sieht keinen Sinn im Schulbesuch des Mädchen. Stattdessen bleibt sie zu Hause und stellt für die Mutter eine wichtige Hilfe bei den häuslichen Arbeiten dar. Mit vierzehn Jahren wird sie als zweite Frau an einen Mann verheiratet, der mit einer anderen Frau bereits zwei Kinder hat. Nachdem sie nach mehreren Jahren noch kein Kind geboren hat, wird sie von ihrem Mann verstoßen. In der Umgebung heißt es, auf ihr laste ein Fluch. Ihre Herkunftsfamilie nimmt sie nicht wieder auf. Ohne Beschäftigung fristet sie ein karges Leben am Rande der Gesellschaft mit gelegentlichen Hilfstätigkeiten gegen Naturalien und Zuwendungen anderer.

 

3. Murat lebt bei seinen Großeltern in einem kleinen Dorf in der Nähe des Van-Sees im kurdischen Teil der Türkei. Er besucht die Grundschule, in der der Unterricht in türkischer Sprache stattfindet. In dieser Sprache kann er sich nur sehr gebrochen ausdrücken, da er mit seinen Großeltern bisher Kurdisch sprach. Weiterhin hat er Mühe beim Erlernen des Lesens und Schreibens. Er fällt aber in seiner Klasse nicht weiter auf, da viele andere Schüler dieselben Probleme haben. Im Alter von 9 Jahren kommt er zu seinen Eltern, die in einer süddeutschen Großstadt leben. Er besucht eine Übergangsklasse in der es nur Schüler aus verschiedenen Ländern gibt, deren Gemeinsamkeit darin besteht, dass sie sich erst seit kurzer Zeit in Deutschland aufhalten. Es fällt auf, dass er in den Kulturtechniken Lesen, Rechnen und Schreiben nur sehr langsam lernt, während das Erlernen der deutschen Sprache gute Fortschritte macht. Nach knapp einem Jahr wird er an die Schule für Lernbehinderte überwiesen, die er zwei Jahre lang besucht und dort ebenfalls nicht Lesen und nur schlecht Schreiben lernt. Schließlich erfolgt die Umschulung an eine Schule für geistig Behinderte. Da das Kind sogar mit dem Taxi zur Schule gefahren wird, glauben die Eltern es müsse sich wohl um eine sehr gute Schule handeln. Als sie schließlich feststellen um welche Schule es sich handelt, sind sie empört. Er besucht die Schule trotzdem weiter. Nach Beendigung der Werkstufe lehnt er den Besuch eines Förderlehrganges oder die alternative Beschäftigung in einer Werkstatt für Behinderte ab. Nachdem er lange Zeit ganz ohne Arbeit ist, hilft er schließlich gegen ein geringes Entgelt in einem kleingastronomischen Betrieb eines Verwandten mit. Er wohnt weiterhin in der Wohnung seiner Eltern.

 

 

Benennen Sie die Aspekte von Schädigung (impairment), Aktivitätsbegrenzung (activity limitation) und Teilhabebeschränkung (participation restriction)
im Sinne der ICF an einem der 3 dargestellten Fälle konkret!
Arbeiten Sie die kulturelle Dimension von Behinderung im Vergleich dieses Falles mit einem der beiden anderen Fälle heraus!

 

Schädigung („Impairment“), Aktivitätsbegrenzung („activity limitation“) und Teilhabebeschränkung („participation restriction“)  laut der ICF im Fall Jeff:

Schädigung im Sinne der ICF bezeichnet die konkrete, also organische oder mentale Funktionsstörung, die sich in Jeffs Fall auf die Lähmung seiner Beine beschränkt, die er erst im Vorschulalter durch einen Unfall erworben hat.
„Eine Schädigung ist eine Beeinträchtigung einer Körperfunktion oder –struktur wie eine wesentliche Abweichung oder ein Verlust.“  [ICF; 2001; S.17]

Jeff hat allerdings das Glück, in Kalifornien zu leben, das heißt er genießt die Vorzüge der so genannten 1. Welt und ist zudem kaum von Wind, Wetter und Schneestürmen beeinträchtigt. Da Jeff nicht gehen kann, bekommt er einen Fahrtendienst zur Verfügung gestellt und kann die regulären Schulen und die Universität besuchen. „Beeinträchtigungen der Aktivität sind Schwierigkeiten, die ein Mensch haben kann, die Aktivität durchzuführen.“ [ICF; 2001; S. 19]
Unter Aktivitätsbegrenzung versteht man die Auswirkung einer Schädigung, in dem Sinne, dass eine bestimmte Fähigkeit nicht vorhanden ist.

Teilhabebeschränkung nach der ICF heißt, dass mit einer Schädigung auch die Teilnahme an bestimmten Lebensbereichen nicht möglich oder nur durch Hilfsmittel zu erreichen ist.„Eine Beeinträchtigung der Partizipation [Teilhabe] ist ein Problem, das ein Mensch in Hinblick auf sein Einbezogensein in Lebenssituationen erleben kann.“ [ICF; 2001; S. 19]

Jeff kann an vielen Aktivitäten aufgrund der Lähmung seiner Beine nicht teilnehmen.
Da er deshalb oft zuhause allein ist, verbringt er viel Zeit am Computer und macht irgendwann sein Hobby zum Beruf. Jeffs Teilhabebeschränkung ist also nicht so stark ausgeprägt, es wird ihm auch ermöglicht, die Universität zu besuchen und er verdient letzten Endes genug Geld, um sich ein Leben leisten zu können, das an seine besonderen Bedürfnisse angepasst ist.


Vergleicht man jetzt Jeffs Fall mit dem von Semiatou, so werden einige Unterschiede gleich deutlich.
Aufgrund ihrer Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht darf Semiatou nicht zur Schule gehen. Sie wird mit 14 verheiratet und weil sie die Erwartungen nicht erfüllen kann und kein Baby bekommt, wird sie von ihrem Mann und ihrer Familie verstoßen. In Westafrika gelten unfruchtbare Frauen als unrein und von Gott verflucht, sind also keine richtigen Frauen und müssen außerhalb der Gesellschaft leben.
Die Anschauungen der westafrikanischen Umwelt, in der Semiatou lebt, machen sie also zur Behinderten.  
Sie kann keine Kinder bekommen und wird deshalb ausgegrenzt, das heißt sie darf nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilhaben.


Wenn man sich Jeffs Fall näher ansieht, wird klar, dass er alle Möglichkeiten hat, mit seiner Behinderung (Schädigung) gut leben zu können, Semiatou dagegen hat nie eine solche Chance bekommen.
Welche Auswirkungen die Kultur aber auf die Sicht von Behinderung hat, wird einem erst klar, wenn man sich Jeffs Chancen in Westafrika ausmalt oder wenn man Semiatous Geschichte nach Kalifornien verlegt.


Semiatou hat in ihrer Jugend gelernt, wie man einen Haushalt führen muss. Sicher hätte sie in Kalifornien einen Job als Haushälterin und einen Mann gefunden und niemand hätte je daran gedacht, sie behindert zu nennen. Auch hätte sie vermutlich die Möglichkeit gehabt, auf künstlichem Weg ein Kind zu bekommen.

Jeff wiederum hätte vielleicht die Primarschule im Nachbarort besuchen können, hätte er jemanden gefunden, der ihm beim Anziehen der Schuluniform hilft und ihn tagtäglich dorthin trägt. Unwahrscheinlich, denn vermutlich hätte die Familie gemeint, Gott hätte ihn bestraft, weil er seine Beine nicht mehr gebrauchen kann und hätte das Schulgeld nicht für ihn aufbringen wollen.
Wie wäre Jeffs Leben denn dann verlaufen?
Vermutlich hätte er ohne Beschäftigung ein karges Leben am Rande der Gesellschaft gefristet mit gelegentlichen Hilfstätigkeiten gegen Naturalien und Zuwendungen anderer.

 

Die jeweiligen Schädigungen von Jeff und Semiatou sind in beiden Kulturen gleich.
Auch bei der Aktivitätsbegrenzung gäbe es keinen Unterschied, was die Auswirkung der Schädigungen in den verschiedenen Kulturen betrifft. Jeff könnte auch in Westafrika nicht Fußball spielen und Semiatou würde auch in Kalifornien kein Kind zur Welt bringen können, zumindest nicht auf natürlichem Wege.
(Solche
geringfügigen Unterschiede gibt es natürlich nur bei Aktivitäten, welche in verschiedenen Kulturkreisen ganz unterschiedlich sind.)
Doch man muss klar erkennen, dass die jeweilige Teilhabebeschränkung, die mit einer bestimmten Behinderung zusammenhängt, stark von der Sicht und vom Glauben eines bestimmten Umfeldes abhängen kann. Somit liegt das jeweilige persönliche Schicksal weniger an den handelnden Personen selbst, sondern daran, ob man bestimmte Erwartungen seiner Umgebung erfüllen kann oder nicht. Das heißt also im Grunde, man wird gehindert und behindert gemacht durch die Sicht der Umwelt.

 

[Zitiert nach: „ICF: Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit“; Stand Oktober 2004; Hrgb: Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information, WHO-Kooperationszentrum für die Familie Internationaler Klassifikationen; Genf 2001]   

(Kurzarbeit für die Vorlesung "Einführung in die Heilpädagogik und integrative Pädagogik"; Susanne Seiberler)
 

 

Behindert sein, behindert werden.

 

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