Unterhaltsame Kurzgeschichten zu unterschiedlichsten Themen des täglichen Zusammenlebens - Echt lesenswert
 

Aus Ch. Nöstlinger: "Mama Mia"

 

Achtung, Miterzieher!

Es gibt eine Menschensorte, vor der ich - solange ich noch kleine Töchter hatte - panikartig flüchtete. Ich meine die "Miterzieher". Da ich mit keinem Vertreter der Sorte näheren Kontakt hatte, weiß ich nicht, ob das kinderlose Leute sind, die irgendwo ihren Bedarf an Erziehung austoben, oder ob es sich da um Eltern handelt, die eigene Kinder so perfekt erzogen haben, daß sie meinen, hilflosen Mamas und Papas mit ihrem Erziehungstalent beistehen zu müssen. Wahrscheinlich sind beide Varianten möglich und, wie ich feststelle, noch immer nicht ausgestorben.
da ist die Dame, die bei der Sandkiste steht und ein fremdes Kind rügt: "Pfuipfui, net geizig sein! Gib dem Mädi brav dein Schauferl!" Da ist der Herr, der mit dem Zeigefinger vor den nassen Augen eines kleinen Buben wackelt und mahnt: "Aber, aber, ein Bub weint nicht!" Gibt auch das Ehepaar, das einem Knirps tadelnd auf den prallen Popo grapscht und ruft: "Bist sicher bald drei Jahr und hast noch eine Windel? Schäm di!"
Andere Miterzieher wenden sich nicht an das Kind, sondern an die Begleitperson.
Meistens, wenn das Kind seinen eigenen Willen durchsetzen will, was - wie man weiß - mit Gebrüll verbunden ist. Da wird üblicherweise angeraten, dem Kind doch endlich eine Watschen zu geben.
Aber Miterzieher reden nicht nur, sie handeln auch.
Da sitzt etwa ein Kind friedlich neben der Mama in der Straßenbahn, schleckt an einem Lolli.
Dem Kind gegenüber sitzt eine Frau, lächelt dem Kind zu, grapscht nach dem Lolli, entwindet der Kinderfaust das Lolli-Stangerl und ruft schelmisch: "Mir g´hört´s!"
Das war dann eine Lektion in "Teilen lernen", und wenn das Kind zu plärren anfängt, kriegt es seinen Lolli eh zurück!
Unlängst sah ich eben beschriebenen Vorfall wieder einmal. Bloß reagierte das Kind nicht mit Gebrüll, es saß bloß still da und schaute die Frau an.
"Du bist aber brav", sagte die mit Honigstimme. "Schenkst mir den Lolli!" Das Kind nickte.
"Nein, nein, kannst ihn eh wieder haben!" sagte die Frau und hielt dem Kind den Lolli hin. Das Kind schüttelte den Kopf und verbarg die Hände hinter dem Rücken. Die Frau wollte der Kindsmutter den Lolli überreichen, aber die lehnte auch ab, hob ihren Nachwuchs hoch und strebte dem Ausgang zu.
Die Frau saß da, mit dem tropfenden, klebrigen Lolli in der Hand, und in mir wuchs die Hoffnung, daß da ein Miterzieher "umerzogen" worden ist.

 

Zweierlei Bedürfnisse!

Falls Sie es noch nicht wissen sollten: Ein Kind hat "Regelbedürfnisse" und "Sonderbedürfnisse"!
In der mehr oder minder intakten Familie, in der das Kind mit Vater und Mutter im gemeinsamen Haushalt lebt, nimmt man den gewaltigen Unterschied zwischen diesen zweierlei Bedürfnissen ja nicht speziell wahr. Liebe Eltern investieren in die Bedürfnisse des Nachwuchses ihren letzten Groschen und fragen nicht viel, ob sie da für einen Regel- oder einen Sonderfall gezahlt haben.
Und weniger liebe Eltern entscheiden gern mit "Nein, das brauchst du nicht!" zugunsten ihrer eigenen Bedürfnisse, ohne darauf zu achten, ob sie nun einen Regel- oder einen Sonderwunsch des Kindes abschlagen.
Wird aber eine Ehe geschieden und können sich die Eltern nicht selbst gütlich einigen, wer in welchem Ausmaß das Kind zu "finanzieren" habe, wird das Gericht mit dieser Frage befaßt, und hat dann zwischen "Regelbedürfnissen" und "Sonderbedürfnissen" fein säuberlich zu trennen, weil die Alimente eigentlich nur dazu da sind, die "Regelbedürfnisse" wie Essen, Kleidung, Schulkram, Spielzeug und kleinere Anschaffungen zu decken. Was als "Sonderbedürfnis" gilt und wer dieses - von Fall zu Fall - zu bezahlen hat, muß dann vor Gericht ausgestritten werden. Und wie man so hört, sind die Richter da oft verschiedener Meinung. Einer hält die Kosten des Schulskikurses für ein "Sonderbedürfnis" und meint, der Vater und Alimentezahler habe dafür extra aufzukommen. Ein anderer meint, die Mutter habe sich von den Alimenten die nötige Summe für den Skikurs zusammenzusparen. Und dies, obwohl in beiden Fällen die Väter gleich viel verdienen, die Alimente auch gleich hoch (oder niedrig) sind und die Mütter ebenfalls ein etwa gleiches Einkommen haben.
Ebenso unklar ist, ob Klavierunterricht, Urlaubsreisen, Zahnspangen und Reitunterricht zu den "Sonderbedürfnissen", um die gestritten wird, zählen.
Eines dürfte allerdings klar sein:
Ein Kind , das dauernd erleben muß, wie seine lieben Eltern wegen seines Skikurses, seiner Zahnspange, seiner Reitstunden, seiner Ferienreise und etlicher anderer Dinge auch noch zu Gericht gehen und streiten, muß sehr stabil sein, um nicht psychische Schäden zu bekommen, derer sich ein Kinderpsychologe anzunehmen hat.
Und die Kosten für diesen laufen dann garantiert unter "Sonderbedürfnis"!

 

Wem ist er zu verdanken?

Der "neue Mann" ist kein Gespenst, das nur in nebulösen Tagträumen geplagter Frauen auftritt. Es gibt ihn tatsächlich! Bereits 13 Prozent unserer Männer sind "neue", also solche, die sich partnerschaftlich in der Familie - sowohl im Haushalt als auch bei der Kindererziehung - betätigen, die zudem keine Angst mehr vor "unmännlichen" Gefühlen haben und ihre Frau als gleichberechtigt sehen. Dies behauptet wenigstens eine neue Studie. 13 Prozent sind ja nicht allzu viel, da aber die Studie diesen Anteil an "neuen Männern" vor allem unter jungen Männern ausfindig gemacht hat, während unter den älteren Herrschaften das "traditionelle" Männerbild noch üblich ist, dürfte der Trend zum "Neuen Mann" zunehmen, und es ist damit zu rechnen, daß es nicht mehr lange dauern wird, bis dieser liebenswerte Männer-Typ in der Mehrheit ist! Und wem haben wir für die "neuen Männer" unseren Dank zu bekunden?
Wohl den "alten Frauen", die sie großgezogen und ihnen nach dem Motto "Was Hänschen nicht lernt..." von klein auf beigebracht haben, daß es für männliche Wesen keine Schande ist, zu kochen, zu bügeln, Fenster zu putzen und Milch zu holen, daß es erlaubt ist, traurig zu sein und zu weinen und daß männlicher Nachwuchs weiblichem gegenüber keine Privilegien beanspruchen darf!
Ohne Scheidungen loben zu wollen: Aber viele der Mütter, die männliche Kinder zu "neuen Männern" erzogen haben, hätten das nicht geschafft, wären sie keine geschiedenen Alleinerzieherinnen gewesen!
Mit einem Ehemann, der im Haushalt keinen Finger rührt - weil das Weibersache ist - und dazu noch den "starken Mann" spielt, der nur fürs Geldverdienen und häusliche "Klein-Reparaturen" zuständig ist, sich sogar der Einzelträne schämt, die ihm beim Begräbnis seiner Mutter über die Wange rollt, kann eine Mutter den Sohn nur schwer zum "neuen Mann" erziehen. Da nimmt sich der Sohn nämlich lieber ein Beispiel an seinem Papa! Das ist wesentlich bequemer für ihn!
Und die Schwerstarbeit, zuerst den Ehemann "umzuerziehen", um dann den Sohn richtig erziehen zu können, das schafft wohl kaum eine Frau.
Seien wir doch einmal ehrlich: Wem haben wir also tatsächlich diese "neuen Männer" zu verdanken?
Na, klarerweise doch all den "alten Männern", die von ihren Familien abgehauen sind und damit sämtliche Hindernisse zur Aufzucht der "neuen Männer" beseitigt haben!

 

Noch viel ärger?

Man hört oft, daß es ein unerhört traurigtristes Los sei, als Einzelkind aufzuwachsen. An dieser Behauptung mag ja wirklich was dran sein, aber "aus bestinformierten Kinderkreisen" wurde mir zugetragen, daß es noch ein wesentlich traurigeres, tristeres Los sei, als Kind von zwei Einzelkindern in die Welt gesetzt zu werden.
Der belesene Laien-Psychologe könnte ja nun wähnen, die Problematik der Kinder von Einzelkindern liege darin, daß ihre Eltern die "häusliche Star-Rolle", die dem Einzelkind üblicherweise zufällt, bis ins Erwachsenenalter beibehalten, sie nicht einmal als Papa und Mama ablegen und daher zur selbstlosen, aufopfernden Elternschaft nur mangelhaft geeignet seien.  Derb ausgedrückt: Weil sie als Kinder nie gelernt haben, zu teilen und zu verzichten, fressen sie noch als Eltern ihren Kindern den Schoko-Pudding weg!
Nun, solche Eltern mag es hin und wieder geben, aber darum geht es nicht. Es geht darum, daß die Kinder von Einzelkindern überhaupt keine Onkel und Tanten haben!
Und das bedeutet in den meisten Fällen - abgesehen vom Mangel an liebenswerten Bezugspersonen und positiven Vorbildern - auch eine ganz gewaltige Einbuße an kindlichem Lebensstandard.
Nehmen wir zum Beispiel das Osterfest: Zu einem Einzelkinder-Kind kommen im Höchstfall drei Osterhasen; ein elterlicher, zwei großelterliche. Bei einem Kind hingegen, dem die Zeugungsfreude der Großeltern viele Onkel und Tanten beschert hat, stehen Osterhasen in Spendierhosen Schlange. Besondere Glücksfälle sind da natürlich die Onkel und Tanten, die selbst keinen Nachwuchs haben und ihr Quantum an Kinderliebe bei Nichten und Neffen abarbeiten. Da kann der "Standard" eines Kindes in der sozialen Hierarchie direkt von der Basis an die Spitze klettern. Wo vier Tanten und drei Onkel die modische Bekleidung eines Kindes mitfinanzieren, können geschwisterlose Papas und Mamas wirklich nicht "mithalten". Dazu kommt noch, daß Onkel und Tanten meistens keinerlei erzieherische Verpflichtung fühlen, ein elterliches "Das brauchst du nicht!" augenzwinkernd mißachten und gern Wünsche erfüllen, die Papa und Mama ablehnten.
Einziger Ausgleich für Einzelkinder-Kinder: Sie haben Großeltern, die ihnen nicht nur ihre ganze Zuneigung, sondern auch ihre gesamte "Sponsor-Tätigkeit" ungeteilt zukommen lassen können.

 

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