Leseprobe und Rezension/en:

 

Leseprobe

(verschiedene Textstellen aus dem Buch „Sheila“ von Torey L. Hayden):

 

Da nur die positiven und rührenden Textstellen in diese Leseprobe eingeflossen sind und ich nicht will, dass Leser mit falschen Erwartungen an dieses Buch herangehen und dann total geschockt sind, welche doch schwere Kost sie letztes Endes verdauen müssen, seien die negativen Aspekte in Sheilas Leben und die Probleme an dieser Stelle kurz erwähnt: die Zerstörungswut und destruktive Gewalt, die sie Tieren und anderen Kindern antut; ihre Verlassensängste; ihre eigenartige Grammatik; die Angst vor der Einweisung in eine geschlossene  Anstalt, die häusliche Situation, die Aufarbeitung ihrer Vergangenheit, sowie die Mißbrauchsgeschichte.

 

------ In den 2 Stunden, in denen Sheila und ich nach der Schule allein blieben, hatte ich begonnen, ihr vorzulesen... Ich entdeckte, dass wir über manche Bücher sprechen mußten, weil Sheila eine so armselige Kindheit erlebt hatte, dass sie vieles gar nicht begriff. Das lag nicht daran, daß sie die Bedeutung der Worte nicht kannte, sondern sie hatte einfach keine Vorstellung, wie sie sich ins Leben einfügten... So sprachen wir darüber und gerieten oft in lange Diskussionen über Gott und die Welt...An einem Abend brachte ich Saint-Exuperys "Der kleine Prinz" mit... Nachdem ich angefangen hatte, rührte sie sich nicht mehr... Als wir zur Geschichte vom Fuchs kamen, versank sie womöglich noch mehr im Zuhören.

»Ich bin ein Fuchs«, sagte der Fuchs.
    »Komm und spiel mit mir«, schlug ihm der kleine Prinz vor. »Ich bin so traurig...«
    »Ich kann nicht mit dir spielen«, sagte der Fuchs. »Ich bin noch nicht gezähmt!«
    »Ah, Verzeihung!« sagte der kleine Prinz.
    Aber nach einiger Überlegung fügte er hinzu:
    »Was bedeutet das: 'zähmen'?'«

»Das ist eine in Vergessenheit geratene Sache«, sagte der Fuchs. »Es bedeutet: sich 'vertraut machen'.«
    »Vertraut machen?«
    »Gewiß«, sagte der Fuchs. »Du bist für mich noch nichts als ein kleiner Knabe, der hunderttausend kleinen Knaben völlig gleicht. Ich brauche dich nicht, und du brauchst mich ebenso wenig. Ich bin für dich nur ein Fuchs, der hunderttausend Füchsen gleicht. Aber wenn du mich zähmst, werden wir einander brauchen. Du wirst für mich einzig sein in der Welt. Ich werde für dich einzig sein in der Welt...«

»Mein Leben ist eintönig. Ich jage Hühner, die Menschen jagen mich. Alle Hühner gleichen einander, und alle Menschen gleichen einander. Ich langweile mich also ein wenig. Aber wenn du mich zähmst, wird mein Leben wie durchsonnt sein. Ich werde den Klang deines Schrittes kennen, der sich von allen andern unterscheidet. Die anderen Schritte jagen mich unter die Erde. Der deine wird mich wie Musik aus dem Bau locken. Und dann schau! Du siehst da drüben die Weizenfelder? Ich esse kein Brot. Für mich ist der Weizen zwecklos. Die Weizenfelder erinnern mich an nichts. Und das ist traurig. Aber du hast weizenblondes Haar. Oh, es wird wunderbar sein, wenn du mich einmal gezähmt hast! Das Gold der Weizenfelder wird mich an dich erinnern. Und ich werde das Rauschen des Windes im Getreide liebgewinnen.«
    Der Fuchs verstummte und schaute den Prinzen lange an:
    »Bitte... zähme mich!« sagte er.
    »Ich möchte wohl«, antwortete der kleine Prinz, »aber ich habe nicht viel Zeit. Ich muß Freunde finden und viele Dinge kennenlernen.«
    »Man kennt nur die Dinge, die man zähmt«, sagte der Fuchs. »Die Menschen haben keine Zeit mehr, irgend etwas kennenzulernen. Sie kaufen sich alles fertig in den Geschäften. Aber da es keine Kaufläden für Freunde gibt, haben die Leute keine Freunde mehr. Wenn du einen Freund willst, so zähme mich!«
    »Was muß ich da tun?« sagte der kleine Prinz.
    »Du mußt sehr geduldig sein«, antwortete der Fuchs. »Du setzt dich zuerst ein wenig abseits von mir ins Gras. Ich werde dich so verstohlen, so aus dem Augenwinkel anschauen, und du wirst nichts sagen. Die Sprache ist die Quelle der Mißverständnisse. Aber jeden Tag wirst du dich ein bißchen näher setzen können...«

Sheila rutschte auf meinem Schoß herum, um mich ansehen zu können und hielt mich lange mit ihrem Blick gefangen. "Das sein das, was du tun, hm?" "Was meinst du damit?" "Das hast du mit mir getan, ja? Mich gezähmt." Ich lächelte. "Erinnerst du dich? Ich habe solche Angst, ich glaube, du wirst mich richtig gemein verhauen, weil ich an dem Tag so viel Böses gemacht habe. Aber du sitzt auf dem Fußboden. Und du kommst ein bißchen näher und ein bißchen näher. Du zähmst mich, hm? Genau wie der kleine Prinz den Fuchs zähmt. Genau wie du mich gezähmt hast. Und jetzt sein ich für dich einzig, ja? Genau wie der Fuchs." "Ja, du bist wirklich einzig, Sheila." Sie drehte sich wieder zurück und machte es sich bequem. "Lies den Rest vor."

  So machte denn der kleine Prinz den Fuchs mit sich vertraut. Und als die Stunde des Abschieds nahe war:
    »Ach!« sagte der Fuchs, »ich werde weinen.«
    »Das ist deine Schuld«, sagte der kleine Prinz, »ich wünschte dir nichts Übles, aber du hast gewollt, daß ich dich zähme...«
    »Gewiß«, sagte der Fuchs.
    »Aber nun wirst du weinen!« sagte der kleine Prinz.
    »Bestimmt«, sagte der Fuchs.
    »So hast du nichts gewonnen!«
    »Ich habe«, sagte der Fuchs, »die Farbe des Weizens gewonnen.«
    Dann fügte er hinzu:
    »Geh die Rosen wieder anschauen. Du wirst begreifen, daß die deine einzig ist in der Welt.
    Du wirst wiederkommen und mir adieu sagen, und ich werde dir ein Geheimnis schenken.«

Der kleine Prinz ging, die Rosen wiederzusehen:
    »Ihr gleicht meiner Rose gar nicht, ihr seid noch nichts«, sagte er zu ihnen. »Niemand hat sich euch vertraut gemacht und auch ihr habt euch niemandem vertraut gemacht. Ihr seid, wie mein Fuchs war. Der war nichts als ein Fuchs wie hunderttausend andere. Aber ich habe ihn zu meinem Freund gemacht, und jetzt ist er einzig in der Welt.«
    Und die Rosen waren sehr beschämt.
    »Ihr seid schön, aber ihr seid leer«, sagte er noch. »Man kann für euch nicht sterben. Gewiß, ein Irgendwer, der vorübergeht, könnte glauben, meine Rose ähnle euch. Aber in sich selbst ist sie wichtiger als ihr alle, da sie es ist, die ich begossen habe. Da sie es ist, die ich unter den Glassturz gestellt habe. Da sie es ist, die ich mit dem Wandschirm geschützt habe. Da sie es ist, deren Raupen ich getötet habe (außer den zwei oder drei um der Schmetterlinge willen). Da sie es ist, die ich klagen oder sich rühmen gehört habe oder auch manchmal schweigen. Da es meine Rose ist.«

Und er kam zum Fuchs zurück:
    »Adieu«, sagte er...
    »Adieu«, sagte der Fuchs. »Hier mein Geheimnis. Es ist ganz einfach: man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.«
    »Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar«, wiederholte der kleine Prinz, um es sich zu merken.
    »Die Zeit, die du für deine Rose verloren hast, sie macht deine Rose so wichtig.«
    »Die Zeit, die ich für meine Rose verloren habe...«, sagte der kleine Prinz, um es sich zu merken.
    »Die Menschen haben diese Wahrheit vergessen«, sagte der Fuchs. »Aber du darfst sie nicht vergessen. Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast. Du bist für deine Rose verantwortlich...«

Sie rutschte von meinem Schoß, um mir gerade in die Augen sehen zu können. "Du sein ´antwortlich für mich. Du zähmst mich, so du sein jetzt ´antwortlich für mich?" Ich war nicht sicher, was sie mich fragte.
"Ich zähme dich auch ein klein bisschen, ja? Du zähmst mich und ich dich. Und jetzt ich sein auch ´antwortlich für dich, nicht?" Ich nickte. Sie ließ mich los und setzte sich. "Warum du das tun?" "Was tue ich, Sheila?" "Mich zähmen." Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ihre Augen blickten zu mir auf. "Warum magst du mich? Da komme ich nie dahinter. Warum willst du mich zähmen?" Meine Gedanken jagten sich, fände ich nur das rechte Wort....   "Sein das so wie beim Fuchs? Bin ich jetzt einzig, weil du mich zähmst? Tun ich sein ein einziges Mädchen?" Ich lächelte. "Ja, du bist mein einziges Mädchen."  ------

. . .

Endlich sah sie auf. "Manchmal bin ich sehr einsam." Ich nickte. "Hört das einmal auf?" Wieder nickte ich langsam. "Ja, eines Tages wird es aufhören." Sheila seufzte und stand auf. "Eines Tages kommt in Wirklichkeit nie, nicht wahr?"

. . .

Wir lachten viel. Es ging nicht immer sehr lustig in unserer Klasse zu. Oft war das, worüber ich lachte, ein Anlass, der mich bei genauerem Überlegen nur traurig gestimmt hätte.  
Vielleicht ist das größte Wunder des menschlichen Geistes die Fähigkeit zu lachen. Über sich selbst, über andere, über unsere oft so hoffnungslose Lage. Das Lachen normalisierte unser Leben.

. . .

Wir saßen lange Zeit stumm zusammen, Whitney und ich. Die 14jährige Schülerin war eine meiner beiden wichtigsten Hilfskräfte.
"Darf ich dir was erzählen, Torey?" "Ja." Sie brachte es immer noch nicht fertig, mich anzusehen. "Die Klasse hier ist der einzige Platz auf der Welt, wo ich gern bin. Alle ziehen mich damit auf. Immerzu. Sie sagen: ´Warum willst du dich ständig mit einer Horde von Verrückten abgeben?` Sie halten mich auch für verrückt. Weißt du, nicht nett verrückt, sondern richtig anstaltsreif. Warum sollte ich denn sonst so oft hier sein wollen?" "Na, dann müssen sie von Anton und mir dasselbe glauben", antwortete ich. "Dann müssen wir auch verrückt sein." "Sagen die Leute das jemals zu dir?" Zum erstenmal sah sie mich an. "Direkt nicht, aber ich glaube, es gibt eine ganze Menge, die das denkt." "Warum bist du hier?" Ich lächelte.
„Vielleicht, weil ich gern mit ganz ehrlichen Menschen umgehe. Die einzigen wirklich ehrlichen Menschen, die ich kenne, sind entweder Kinder oder Verrückte. Darum scheint diese Klasse für mich genau das richtige zu sein.“  Whitney nickte. „Ja, ich glaube, mir geht es auch so – weil hier jeder genau zeigt, was er fühlt. Wenn dich hier einer haßt, weißt du es wenigstens.“ Sie lächelte flüchtig. „Das Komische ist, dass diese Kinder mir manchmal viel weniger verrückt vorkommen als normale Menschen. Ich meine...“  Ihre Stimme verlor sich. “Ja, ich weiß, was du meinst.“

. . .

Sie hatte nie zuvor eine Narzisse aus der Nähe gesehen. Eines Tages brachte ich einen großen Strauß in die Schule mit. Sheila kam gelaufen und stieß kleine Schreie aus. "Was sein das denn?"
"Narzissen, Dummchen. Die musst du doch schon oft gesehen haben." Sie genau betrachtend, schüttelte sie den Kopf. "Hm. Immer nur in Büchern. Sein das richtige Blumen?" "Natürlich sind die richtig. Fass sie doch an." "Ooooh!" jauchzte sie entzückt. Sie hüpfte auf und ab und schlang die Arme um sich. "Riech mal. Narzissen haben einen eigenen, feinen Duft."

Sie sog den Duft tief ein. "Ich möchte sie umarmen."
"Sheila, möchtest du eine Blume für dich haben?" Sie sah zu mir auf, und ihre Augen wurden so groß, dass sie kaum mehr in ihr Gesicht zu passen schienen. "Darf ich eine haben?" "Ja." "Und sie gehörte wirklich mir?" Ich nickte. "Mir?" "Ja, natürlich. Deine eigene Blume." Zärtlich streichelte sie eine der Narzissen. "Erinnerst du dich an das Buch vom Fuchs und dem
kleinen Prinzen? Erinnerst du dich, der kleine Prinz hatte eine Blume und zähmte sie? Weißt du noch? Glaubst du, ich könnte sie zähmen?"
"Na, du darfst nicht vergessen, dass Blumen nicht sehr lange leben. Aber sie sind leicht zu zähmen. Ich glaube, du könntest es. Welche möchtest du?" Nach langer Prüfung wählte sie eine aus, die für mich nicht anders aussah als alle anderen, aber sie musste für sie die einzige sein. Vielleicht hatte das Zähmen bereits begonnen, denn wie beim kleinen Prinzen und seiner Rose gehörte diese Narzisse Sheila, und für sie glich sie keiner anderen Blume auf der Welt. Die Blume vorsichtig haltend und den goldenen Kelch streichelnd, strahlte sie. "Mein Herz tun sein so groß", flüsterte sie, "es sein so groß und ich tun glauben, dass ich sein das allerglücklichste Kind."

. . .  

------ Ihr strahlendes Lächeln verlor sich und sie drehte sich zu mir um. "Weißt du, was ich möchte?" "Dass du alle drei Kleider haben könntest?" Sie schüttelte den Kopf. "Ich möchte, du sein meine Mama, und Chad sein mein Daddy." Ich lächelte ihr zu. "Jetzt sieht es fast so aus, nicht wahr? Heute abend, meine ich. Es sieht fast so aus, als sein ihr meine Familie, nicht?" "Wir sind was viel Besseres, Sheila, wir sind Freunde. Freunde sind besser als Eltern, weil es bedeutet, dass wir uns gern haben, weil wir das wollen, nicht weil wir müssen. Wir haben es uns ausgesucht, Freunde zu sein." Sie sah mich lange an. "Ich möchte, wir wären beides. Wir könnten eine Familie und Freunde sein." "Ja, das wäre schön." Auf ihrer Stirn stand die kleine Falte.
"Könnten wir so tun als ob?" fragte sie vorsichtig. Nur für heute abend, könnten wir so tun? Als ob du und Chad meine Eltern sind, und ihr nehmtet euer kleines Mädchen mit, um ihm ein Kleid zu kaufen? Sie hat eine Menge Kleider zu Hause, aber ihr bringtet sie mit, um noch eins zu kaufen, weil sie es möchte und ihr sie so gern habt?"  Meine ganze psychologische Ausbildung drängte mich, nein zu sagen. Aber als ich ihre Augen sah, ließ mein Herz es nicht zu.
"Ich glaube, nur heute abend mal, könnten wir so tun. Aber du mußt daran denken, nur für heute abend und nur als ob."  Sie machte einen Riesensatz und rannte aus dem Umkleideraum. Sie hatte nur ihr Höschen an. "Ich muß es Chad sagen!"
Chad war erheitert, daß er, während wir in der Kabine Kleider probierten, Vater geworden war. Er spielte die Rolle in Vollendung. Es war eine Zaubernacht voll unausgesprochener Wunder für uns alle drei. Sheila schlief auf der Fahrt zum Wanderarbeiterlager in meinen Armen ein. Als Chad den Wagen parkte, weckte ich sie. "So, Aschenbrödel", sagte Chad, als er die Tür öffnete. "Zeit zum Heimgehen." Sie lächelte verschlafen zu ihm auf. "Komm schon, ich trag dich rein und erzähle deinem Daddy, was wir alles gemacht haben." Sie wehrte sich ein wenig. "Ich möchte nicht gehen", sagte sie leise. "Das war ein schöner Abend, was?", antwortete ich. Sie nickte. Dann herrschte Schweigen. "Darf ich dich küssen?" "Oh, das glaube ich doch." Ich nahm sie fest in die Arme und küßte sie. Ich spürte ihre weichen Lippen auf meiner Wange. Sie küßte auch Chad, als er sie von meinem Schoß aufhob und ins Haus trug. ------

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Ich sprach mit ihnen, erzählte, was ich fühlte und warum ich nicht so ehrlich gewesen war wie sonst. Wir saßen alle zusammen auf dem Boden. "Über manche Dinge läßt sich nicht so leicht sprechen", sagte ich. "Dazu gehört das, was mit Sheila passiert ist." "Wieso?", fragte Peter. "Glaubst du, wir sind nicht alt genug? Das sagt nämlich meine Mama immer, wenn sie mir was nicht erzählen will." "So ähnlich ist es", sagte ich und mußte lächeln. "Aber auch, weil sich über manches wirklich schwer sprechen läßt. Ich weiß nicht, warum. Wahrscheinlich, weil es einem Angst macht. Auch uns Erwachsenen. Und wenn Erwachsene vor etwas Angst haben, sprechen sie nicht gern davon. Das macht das Erwachsensein manchmal schwer."

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Als ich mir selber zuhörte, als ich es den Kindern erzählte, fragte ich mich, ob das wohl richtig sei.
Instinktiv fühlte ich, dass ich es richtig machte. Unsere Beziehung beruhte auf der Wahrheit, so schrecklich sie auch sein mochte. Außerdem konnte ich mir nicht vorstellen, daß Wissen schlechter sein könnte als Nichtwissen und auch nicht schlechter als vieles, was diese Kinder schon gesehen hatten. Die Tatsache, daß nichts in ihrem Leben so schlecht war, daß man nicht darüber sprechen konnte, hatte in unserer Klasse immer im Vordergrund gestanden. Trotzdem nagte die Erkenntnis an mir, daß ich wiederum die Regeln brach, die ich in der Ausbildung gelernt hatte, und die Grenzen der bewährten erzieherischen und psychologischen Praxis überschritt. Der Krieg zwischen Sicherheit und Ehrlichkeit brach abermals aus.

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"Oh, Peter, das ist nicht wahr!" "Doch, das ist wahr."
"Nein, das ist es nicht. Ich weiß nicht, woher du das hast, aber es ist ganz falsch."

"Peter, du bist nicht verrückt", sagte William. "Niemand ist richtig verrückt. Das ist bloß ein Wort. Das stimmt doch, Torey? Nur ein Wort. Und niemand ist ein Wort."

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Eine der größten Tragödien der Sonderschulen ist es, daß ihre Zöglinge fast nie an den traditionellen Festen teilnehmen können, die für normale Kinder selbstverständlich sind. Für behinderte Kinder ist es schon  Fortschritt genug, von einem Tag zum anderen durchzukommen. Das hat mich immer in Wut gebracht. Nur "von einem Tag zum anderen durchzukommen", macht ein Leben wenig lebenswert.

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"Wenn ich Ihnen Geld gebe, können Sie dann mit Sheila Alltagszeug kaufen? Ich weiß, daß sie was braucht, aber so was muß eine Frau machen..." Seine Stimme verlor sich,  und er wandte den Blick ab. "Wenn ich das Geld behalte...also, ich hab da ein Problem, wissen Sie. Ich hab mir gedacht..." Er hielt einen Zehndollarschein in der Hand. "Ja, das mache ich gern. Nächste Woche nach der Schule gehe ich mit ihr einkaufen." Er lächelte mit zusammengepreßten Lippen ein kleines trauriges Lächeln. Dann, ehe ich es richtig merkte, war er fort. Ich sah den Geldschein an. Dafür konnte man heute nicht mehr viel Kleidung kaufen. Aber er hatte den Versuch gemacht. Auf seine Art hatte er sichergehen wollen, daß das Geld dahin ging, wo es hingehörte, ehe es sich in eine Flasche verwandelte. Wider Willen hatte ich den Mann gern und war voller Mitleid. Sheila war nicht das einzige Opfer; ihr Vater verdiente zweifellos ebensoviel Zuneigung wie sie. Einmal hatte es einen kleinen Jungen gegeben, dessen Schmerz und Leid nie gelindert wurden. Nun gab es einen Mann. Voller Kummer dachte ich: Wenn es doch nur genügend Menschen gäbe, die Zuneigung empfinden und ohne Rücksicht lieben könnten!

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„Wir haben eine wunderbare Zeit zusammen verbracht, die ich um nichts in der Welt hätte tauschen mögen. Du hast dich sehr verändert. Ich übrigens auch. Wir sind zusammen gewachsen, und jetzt ist es an der Zeit zu prüfen, ob das Wachsen gut war. Ich glaube, wir können das jetzt. Du auch. Du kannst jetzt allein weiterkommen, du bist stark genug." Plötzlich liefen ihr die Tränen aus den Augen. Aber sie blieb bewegungslos, blinzelte nicht und stützte immer noch das Gesicht auf die Hände. Ich fand keine Worte mehr. Ich vergaß so oft, daß sie erst sechs war. Sie würde erst im Juli sieben werden. Ich vergaß es, weil ihre Augen so alt waren.

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Ich gehörte der "Besser-geliebt-und-gelitten-Schule" an, die im Erziehungswesen wenig populär war. Die Kurse und die Professionellen predigten gegen zu großen Gefühlsaufwand. Aber ich konnte das nicht, ich konnte nicht sinnvoll unterrichten, ohne Gefühle zu investieren. Und weil ich zur Geliebt-und-gelitten-Schule gehörte, konnte ich, wenn das Ende kam, aufgeben. Es tat immer weh, und je mehr ich ein Kind liebte, desto mehr schmerzte es. Aber wenn es soweit war, daß wir uns trennen mußten oder ich das Kind aufgeben mußte, weil ich nichts mehr für es tun konnte, dann brachte ich es fertig zu gehen. Ich brachte es fertig, weil ich jedesmal die kostbaren Erinnerungen an unsere enge Beziehung mitnehmen konnte und glaubte, daß man sich nichts Besseres schenken konnte als gute Erinnerungen.

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"Warum bleibst du nicht hier und machst mich gut?", fragte sie endlich. "Weil nicht ich es bin, die dich gut macht. Du tust das. Ich bin nur hier, damit du weißt, daß es jemand gibt, dem es wichtig ist, ob du gut bist oder nicht. Daß jemand Anteil an dir nimmt. Und dabei spielt es keine Rolle, wo ich bin, denn ich werde trotzdem immer an dich denken."

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"Ich bin deine Lehrerin, und wenn das Schuljahr zu Ende ist, werde ich deine Freundin sein. Das werde ich bleiben. Solange du willst, werde ich deine Freundin sein."

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Sie hob den Kopf. "Was ich nicht verstehen kann, ist, warum alles Gute immer aufhört." "Alles geht einmal zu Ende." "Nicht alles. Nicht das Schlechte. Das hört nie auf." "Doch, auch das. Wenn du es zuläßt, hört auch das Schlechte auf. Nicht so schnell, wie man es sich oft wünscht, aber es hört auf. Was nicht zu Ende geht, sind die Gefühle, die man füreinander hat. Selbst wenn du erwachsen bist und ganz woanders lebst, kannst du dich an die gute Zeit erinnern, die wir zusammen erlebt haben. Selbst wenn es dir mal ganz schlecht geht und es so aussieht, als würde sich nie was ändern, kannst du dich an mich erinnern. Und ich werde mich an dich erinnern."

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Bei der Arbeit mit den seelisch behinderten Kindern hatte mich ihre Widerstandskraft tief beeindruckt. Entgegen der allgemeinen Anschauung, waren sie alles andere als zerbrechlich. Ihr Überleben war das beste Zeugnis dafür. Wenn man ihnen das Rüstzeug gibt, das wir fast alle für selbstverständlich halten, wenn man ihnen Liebe, Hilfe, Vertrauen und Selbstachtung gibt, etwas, das wir, wenn wir es haben, kaum wahrnehmen, dann können sie über das Überleben hinaus erfolgreich sein. Bei Sheila war das ganz offensichtlich. Sie würde nicht aufgeben.

 

 

Rezensionsversuch:

Dieses Buch erzählt von dem Ringen der Lehrerin und Psychologin um die aus zerrütteten Verhältnissen kommende, psychisch schwer gestörte Sheila.
Durch ihre Art, einfühlsam und emotional zu schreiben, bringt Torey L. Hayden einem die psychischen Krankheiten, geistigen Behinderungen und Verhaltensstörungen von Kindern und Jugendlichen nahe und nimmt ihnen gleichzeitig ihren Schrecken.
Ein wunderschön geschriebenes Buch, ebenso wie all die anderen Geschichten über Torey`s Kinder.
Die Autorin arbeitete als Psychologin, Sonderschullehrerin und Universitätsdozentin in den Vereinigten Staaten. Dabei praktizierte sie eine ungewöhnliche, über alle Lehrbücher hinausweisende Pädagogik des Herzens.

 

Klappentext:
Sheila ist sechs Jahre alt, als sie einen Dreijährigen an einen Baum fesselt und versucht, ihn zu verbrennen. Sie soll in die psychiatrische Anstalt eingeliefert werden, doch da dort noch kein Platz frei ist, kommt sie vorübergehend in die Obhut der Lehrerin Torey L. Hayden, die eine „Spezialklasse“ von acht körperlich, geistig und psychisch schwer behinderten Kindern leitet.
Sie entdeckt hinter Sheilas unberechenbarer Grausamkeit und Wut die Angst und Verletzlichkeit eines verlassenen und vernachlässigten Kindes. Sie erkennt ihren aus der Not geborenen Willen zum Überleben und ihre überdurchschnittliche Intelligenz.  Die behutsame und beharrliche Liebe der Lehrerin vermag allmählich Sheilas Unnahbarkeit in Vertrauen zu wandeln: Das Mädchen beginnt, die Zuneigung zu erwidern und erlaubt sich schließlich selbst, Gefühle zu zeigen. Nun ist Sheila auch stark genug, die notwendige Trennung zu ertragen und den ersten Schritt nach draußen in die „normale“ Gesellschaft zu wagen.

 

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