Leseprobe und Rezension/en:
Leseprobe
(verschiedene
Textstellen aus dem Buch
„Sheila“ von Torey L. Hayden):
------ In den 2 Stunden, in
denen Sheila und ich nach der Schule allein blieben, hatte ich begonnen, ihr
vorzulesen... Ich entdeckte, dass wir über manche Bücher sprechen mußten,
weil Sheila eine so armselige Kindheit erlebt hatte, dass sie vieles gar nicht
begriff. Das lag nicht daran, daß sie die Bedeutung der Worte nicht kannte,
sondern sie hatte einfach keine Vorstellung, wie sie sich ins Leben einfügten...
So sprachen wir darüber und gerieten oft in lange Diskussionen über Gott und
die Welt...An einem Abend brachte ich Saint-Exuperys "Der kleine
Prinz" mit... Nachdem ich angefangen hatte, rührte sie sich nicht
mehr... Als wir zur Geschichte vom Fuchs kamen, versank sie womöglich noch mehr
im Zuhören.
»Ich
bin ein Fuchs«, sagte der Fuchs.
»Komm und spiel mit mir«, schlug ihm der kleine Prinz vor.
»Ich bin so traurig...«
»Ich kann nicht mit dir spielen«, sagte der Fuchs. »Ich
bin noch nicht gezähmt!«
»Ah, Verzeihung!« sagte der kleine Prinz.
Aber nach einiger Überlegung fügte er hinzu:
»Was bedeutet das: 'zähmen'?'«
»Das
ist eine in Vergessenheit geratene Sache«, sagte der Fuchs. »Es bedeutet: sich
'vertraut machen'.«
»Vertraut machen?«
»Gewiß«, sagte der Fuchs. »Du bist für mich noch nichts
als ein kleiner Knabe, der hunderttausend kleinen Knaben völlig gleicht. Ich
brauche dich nicht, und du brauchst mich ebenso wenig. Ich bin für dich nur ein
Fuchs, der hunderttausend Füchsen gleicht. Aber wenn du mich zähmst, werden
wir einander brauchen. Du wirst für mich einzig sein in der Welt. Ich werde für
dich einzig sein in der Welt...«
»Mein
Leben ist eintönig. Ich jage Hühner, die Menschen jagen mich. Alle Hühner
gleichen einander, und alle Menschen gleichen einander. Ich langweile mich also
ein wenig. Aber wenn du mich zähmst, wird mein Leben wie durchsonnt sein. Ich
werde den Klang deines Schrittes kennen, der sich von allen andern
unterscheidet. Die anderen Schritte jagen mich unter die Erde. Der deine wird
mich wie Musik aus dem Bau locken. Und dann schau! Du siehst da drüben die
Weizenfelder? Ich esse kein Brot. Für mich ist der Weizen zwecklos. Die
Weizenfelder erinnern mich an nichts. Und das ist traurig. Aber du hast
weizenblondes Haar. Oh, es wird wunderbar sein, wenn du mich einmal gezähmt
hast! Das Gold der Weizenfelder wird mich an dich erinnern. Und ich werde das
Rauschen des Windes im Getreide liebgewinnen.«
Der Fuchs verstummte und schaute den Prinzen lange an:
»Bitte...
zähme mich!« sagte er.
»Ich möchte wohl«, antwortete der kleine Prinz, »aber ich
habe nicht viel Zeit. Ich muß Freunde finden und viele Dinge kennenlernen.«
»Man kennt nur die Dinge, die man zähmt«, sagte der Fuchs.
»Die Menschen haben keine Zeit mehr, irgend etwas kennenzulernen. Sie kaufen
sich alles fertig in den Geschäften. Aber da es keine Kaufläden für Freunde
gibt, haben die Leute keine Freunde mehr. Wenn du einen Freund willst, so zähme
mich!«
»Was muß ich da tun?« sagte der kleine Prinz.
»Du mußt sehr geduldig sein«, antwortete der Fuchs. »Du
setzt dich zuerst ein wenig abseits von mir ins Gras. Ich werde dich so
verstohlen, so aus dem Augenwinkel anschauen, und du wirst nichts sagen. Die
Sprache ist die Quelle der Mißverständnisse. Aber jeden Tag wirst du dich ein
bißchen näher setzen können...«
Sheila
rutschte auf meinem Schoß herum, um mich ansehen zu können und hielt mich
lange mit ihrem Blick gefangen. "Das sein das, was du tun, hm?"
"Was meinst du damit?" "Das hast du mit mir getan, ja? Mich gezähmt."
Ich lächelte. "Erinnerst du dich? Ich habe solche Angst, ich glaube, du
wirst mich richtig gemein verhauen, weil ich an dem Tag so viel Böses gemacht
habe. Aber du sitzt auf dem Fußboden. Und du kommst ein bißchen näher und ein
bißchen näher. Du zähmst mich, hm? Genau wie der kleine Prinz den Fuchs zähmt.
Genau wie du mich gezähmt hast. Und jetzt sein ich für dich einzig, ja? Genau
wie der Fuchs."
»Ach!« sagte der Fuchs, »ich werde weinen.«
»Das ist deine Schuld«, sagte der kleine Prinz, »ich wünschte
dir nichts Übles, aber du hast gewollt, daß ich dich zähme...«
»Gewiß«, sagte der Fuchs.
»Aber nun wirst du weinen!« sagte der kleine Prinz.
»Bestimmt«, sagte der Fuchs.
»So hast du nichts gewonnen!«
»Ich habe«, sagte der Fuchs, »die Farbe des Weizens
gewonnen.«
Dann fügte er hinzu:
»Geh die Rosen wieder anschauen. Du wirst begreifen, daß
die deine einzig ist in der Welt.
Du wirst wiederkommen und mir adieu sagen, und ich werde dir
ein Geheimnis schenken.«
Der
kleine Prinz ging, die Rosen wiederzusehen:
»Ihr gleicht meiner Rose gar nicht, ihr seid noch nichts«,
sagte er zu ihnen. »Niemand hat sich euch vertraut gemacht und auch ihr habt
euch niemandem vertraut gemacht. Ihr seid, wie mein Fuchs war. Der war nichts
als ein Fuchs wie hunderttausend andere. Aber ich habe ihn zu meinem Freund
gemacht, und jetzt ist er einzig in der Welt.«
Und die Rosen waren sehr beschämt.
»Ihr seid schön, aber ihr seid leer«, sagte er noch. »Man
kann für euch nicht sterben. Gewiß, ein Irgendwer, der vorübergeht, könnte
glauben, meine Rose ähnle euch. Aber in sich selbst ist sie wichtiger als ihr
alle, da sie es ist, die ich begossen habe. Da sie es ist, die ich unter den
Glassturz gestellt habe. Da sie es ist, die ich mit dem Wandschirm geschützt
habe. Da sie es ist, deren Raupen ich getötet habe (außer den zwei oder drei
um der Schmetterlinge willen). Da sie es ist, die ich klagen oder sich rühmen
gehört habe oder auch manchmal schweigen. Da es meine Rose ist.«
Und
er kam zum Fuchs zurück:
»Adieu«, sagte er...
»Adieu«, sagte der Fuchs. »Hier mein Geheimnis. Es ist
ganz einfach: man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die
Augen unsichtbar.«
»Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar«,
wiederholte der kleine Prinz, um es sich zu merken.
»Die Zeit, die du für deine Rose verloren hast, sie macht
deine Rose so wichtig.«
»Die Zeit, die ich für meine Rose verloren habe...«, sagte
der kleine Prinz, um es sich zu merken.
»Die Menschen haben diese Wahrheit vergessen«, sagte der
Fuchs. »Aber du darfst sie nicht vergessen. Du bist zeitlebens für das
verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast. Du bist für deine Rose
verantwortlich...«
Sie
rutschte von meinem Schoß, um mir gerade in die Augen sehen zu können.
"Du sein ´antwortlich für mich. Du zähmst mich, so du sein jetzt ´antwortlich
für mich?" Ich war nicht sicher, was sie mich fragte.
"Ich
zähme dich auch ein klein bisschen, ja? Du zähmst mich und ich dich. Und jetzt
ich sein auch ´antwortlich für dich, nicht?" Ich nickte. Sie ließ mich
los und setzte sich. "Warum du das tun?" "Was tue ich,
Sheila?" "Mich zähmen." Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
Ihre Augen blickten zu mir auf. "Warum magst du mich? Da komme ich nie
dahinter. Warum willst du mich zähmen?" Meine Gedanken jagten sich, fände
ich nur das rechte Wort....
. . .
Endlich
sah sie auf. "Manchmal bin ich sehr einsam." Ich nickte. "Hört
das einmal auf?" Wieder nickte ich langsam. "Ja, eines Tages wird es
aufhören." Sheila seufzte und stand auf. "Eines Tages kommt in
Wirklichkeit nie, nicht wahr?"
. . .
Wir
lachten viel. Es ging nicht immer sehr lustig in unserer Klasse zu. Oft war das,
worüber ich lachte, ein Anlass, der mich bei genauerem Überlegen nur traurig
gestimmt hätte.
. . .
Wir
saßen lange Zeit stumm zusammen, Whitney und ich. Die 14jährige Schülerin war
eine meiner beiden wichtigsten Hilfskräfte.
"Darf
ich dir was erzählen, Torey?" "Ja." Sie brachte es immer noch
nicht fertig, mich anzusehen. "Die Klasse hier ist der einzige Platz auf
der Welt, wo ich gern bin. Alle ziehen mich damit auf. Immerzu. Sie sagen: ´Warum
willst du dich ständig mit einer Horde von Verrückten abgeben?` Sie halten
mich auch für verrückt. Weißt du, nicht nett verrückt, sondern richtig
anstaltsreif. Warum sollte ich denn sonst so oft hier sein wollen?"
"Na, dann müssen sie von Anton und mir dasselbe glauben", antwortete
ich. "Dann müssen wir auch verrückt sein." "Sagen die Leute das
jemals zu dir?" Zum erstenmal sah sie mich an. "Direkt nicht, aber ich
glaube, es gibt eine ganze Menge, die das denkt." "Warum bist du
hier?" Ich lächelte.
„Vielleicht,
weil ich gern mit ganz ehrlichen Menschen umgehe. Die einzigen wirklich
ehrlichen Menschen, die ich kenne, sind entweder Kinder oder Verrückte. Darum
scheint diese Klasse für mich genau das richtige zu sein.“
Whitney nickte. „Ja, ich glaube, mir geht es auch so – weil hier
jeder genau zeigt, was er fühlt. Wenn dich hier einer haßt, weißt du es
wenigstens.“ Sie lächelte flüchtig. „Das Komische ist, dass diese Kinder
mir manchmal viel weniger verrückt vorkommen als normale Menschen. Ich
meine...“ Ihre Stimme verlor
sich. “Ja, ich weiß, was du meinst.“
. . .
Sie
hatte nie zuvor eine Narzisse aus der Nähe gesehen. Eines Tages brachte ich
einen großen Strauß in die Schule mit. Sheila kam gelaufen und stieß kleine
Schreie aus. "Was sein das denn?"
"Narzissen,
Dummchen. Die musst du doch schon oft gesehen haben." Sie genau
betrachtend, schüttelte sie den Kopf. "Hm. Immer nur in Büchern. Sein das
richtige Blumen?" "Natürlich sind die richtig. Fass sie doch
an." "Ooooh!" jauchzte sie entzückt. Sie hüpfte auf und ab und
schlang die Arme um sich. "Riech mal. Narzissen haben einen eigenen, feinen
Duft."
Sie
sog den Duft tief ein. "Ich möchte sie umarmen."
"Sheila,
möchtest du eine Blume für dich haben?" Sie sah zu mir auf, und ihre
Augen wurden so groß, dass sie kaum mehr in ihr Gesicht zu passen schienen.
"Darf ich eine haben?" "Ja." "Und sie gehörte wirklich
mir?" Ich nickte. "Mir?" "Ja, natürlich. Deine eigene
Blume." Zärtlich streichelte sie eine der Narzissen. "Erinnerst du
dich an das Buch vom Fuchs und dem
"Na,
du darfst nicht vergessen, dass Blumen nicht sehr lange leben. Aber sie sind
leicht zu zähmen. Ich glaube, du könntest es. Welche möchtest du?" Nach
langer Prüfung wählte sie eine aus, die für mich nicht anders aussah als alle
anderen, aber sie musste für sie die einzige sein. Vielleicht hatte das Zähmen
bereits begonnen, denn wie beim kleinen Prinzen und seiner Rose gehörte diese
Narzisse Sheila, und für sie glich sie keiner anderen Blume auf der Welt. Die
Blume vorsichtig haltend und den goldenen Kelch streichelnd, strahlte sie.
"Mein Herz tun sein so groß", flüsterte sie, "es sein so groß
und ich tun glauben, dass ich sein das allerglücklichste Kind."
. . .
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Ihr
strahlendes Lächeln verlor sich und sie drehte sich zu mir um. "Weißt du,
was ich möchte?" "Dass du alle drei Kleider haben könntest?"
Sie schüttelte den Kopf. "Ich möchte, du sein meine Mama, und Chad sein
mein Daddy." Ich lächelte ihr zu. "Jetzt sieht es fast so aus, nicht
wahr? Heute abend, meine ich. Es sieht fast so aus, als sein ihr meine Familie,
nicht?" "Wir sind was viel Besseres, Sheila, wir sind Freunde. Freunde
sind besser als Eltern, weil es bedeutet, dass wir uns gern haben, weil wir das
wollen, nicht weil wir müssen. Wir haben es uns ausgesucht, Freunde zu
sein."
"Könnten
wir so tun als ob?" fragte sie vorsichtig. Nur für heute abend, könnten
wir so tun? Als ob du und Chad meine Eltern sind, und ihr nehmtet euer kleines Mädchen
mit, um ihm ein Kleid zu kaufen? Sie hat eine Menge Kleider zu Hause, aber ihr
bringtet sie mit, um noch eins zu kaufen, weil sie es möchte und ihr sie so
gern habt?" Meine ganze
psychologische Ausbildung drängte mich, nein zu sagen. Aber als ich ihre Augen
sah, ließ mein Herz es nicht zu.
"Ich
glaube, nur heute abend mal, könnten wir so tun. Aber du mußt daran denken,
nur für heute abend und nur als ob."
Sie machte einen Riesensatz und rannte aus dem Umkleideraum. Sie hatte
nur ihr Höschen an. "Ich muß es Chad sagen!"
Chad
war erheitert, daß er, während wir in der Kabine Kleider probierten, Vater
geworden war. Er spielte die Rolle in Vollendung. Es war eine Zaubernacht voll
unausgesprochener Wunder für uns alle drei. Sheila schlief auf der Fahrt zum
Wanderarbeiterlager in meinen Armen ein. Als Chad den Wagen parkte, weckte ich
sie. "So, Aschenbrödel", sagte Chad, als er die Tür öffnete.
"Zeit zum Heimgehen." Sie lächelte verschlafen zu ihm auf. "Komm
schon, ich trag dich rein und erzähle deinem Daddy, was wir alles gemacht
haben." Sie wehrte sich ein wenig. "Ich möchte nicht gehen",
sagte sie leise. "Das war ein schöner Abend, was?", antwortete ich.
Sie nickte. Dann herrschte Schweigen. "Darf ich dich küssen?"
"Oh, das glaube ich doch." Ich nahm sie fest in die Arme und küßte
sie. Ich spürte ihre weichen Lippen auf meiner Wange. Sie küßte auch Chad,
als er sie von meinem Schoß aufhob und ins Haus trug.
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. . .
Ich
sprach mit ihnen, erzählte, was ich fühlte und warum ich nicht so ehrlich
gewesen war wie sonst. Wir saßen alle zusammen auf dem Boden. "Über
manche Dinge läßt sich nicht so leicht sprechen", sagte ich. "Dazu
gehört das, was mit Sheila passiert ist." "Wieso?", fragte
Peter. "Glaubst du, wir sind nicht alt genug? Das sagt nämlich meine Mama
immer, wenn sie mir was nicht erzählen will." "So ähnlich ist
es", sagte ich und mußte lächeln. "Aber auch, weil sich über
manches wirklich schwer sprechen läßt. Ich weiß nicht, warum. Wahrscheinlich,
weil es einem Angst macht. Auch uns Erwachsenen. Und wenn Erwachsene vor etwas
Angst haben, sprechen sie nicht gern davon. Das macht das Erwachsensein manchmal
schwer."
. . .
Als
ich mir selber zuhörte, als ich es den Kindern erzählte, fragte ich mich, ob
das wohl richtig sei.
Instinktiv
fühlte ich, dass ich es richtig machte. Unsere Beziehung beruhte auf der
Wahrheit, so schrecklich sie auch sein mochte. Außerdem konnte ich mir nicht
vorstellen, daß Wissen schlechter sein könnte als Nichtwissen und auch nicht
schlechter als vieles, was diese Kinder schon gesehen hatten. Die Tatsache, daß
nichts in ihrem Leben so schlecht war, daß man nicht darüber sprechen konnte,
hatte in unserer Klasse immer im Vordergrund gestanden. Trotzdem nagte die
Erkenntnis an mir, daß ich wiederum die Regeln brach, die ich in der Ausbildung
gelernt hatte, und die Grenzen der bewährten erzieherischen und psychologischen
Praxis überschritt. Der Krieg zwischen Sicherheit und Ehrlichkeit brach
abermals aus.
. . .
"Oh,
Peter, das ist nicht wahr!"
"Nein,
das ist es nicht. Ich weiß nicht, woher du das hast, aber es ist ganz
falsch."
"Peter,
du bist nicht verrückt", sagte William. "Niemand ist richtig verrückt.
Das ist bloß ein Wort. Das stimmt doch, Torey? Nur ein Wort. Und niemand ist
ein Wort."
. . .
Eine
der größten Tragödien der Sonderschulen ist es, daß ihre Zöglinge fast nie
an den traditionellen Festen teilnehmen können, die für normale Kinder
selbstverständlich sind. Für behinderte Kinder ist es schon
Fortschritt genug, von einem Tag zum anderen durchzukommen. Das hat mich
immer in Wut gebracht. Nur "von einem Tag zum anderen durchzukommen",
macht ein Leben wenig lebenswert.
. . .
"Wenn
ich Ihnen Geld gebe, können Sie dann mit Sheila Alltagszeug kaufen? Ich weiß,
daß sie was braucht, aber so was muß eine Frau machen..." Seine Stimme
verlor sich, und er wandte den
Blick ab. "Wenn ich das Geld behalte...also, ich hab da ein Problem, wissen
Sie. Ich hab mir gedacht..." Er hielt einen Zehndollarschein in der Hand.
"Ja, das mache ich gern. Nächste Woche nach der Schule gehe ich mit ihr
einkaufen." Er lächelte mit zusammengepreßten Lippen ein kleines
trauriges Lächeln. Dann, ehe ich es richtig merkte, war er fort. Ich sah den
Geldschein an. Dafür konnte man heute nicht mehr viel Kleidung kaufen. Aber er
hatte den Versuch gemacht. Auf seine Art hatte er sichergehen wollen, daß das
Geld dahin ging, wo es hingehörte, ehe es sich in eine Flasche verwandelte.
Wider Willen hatte ich den Mann gern und war voller Mitleid. Sheila war nicht
das einzige Opfer; ihr Vater verdiente zweifellos ebensoviel Zuneigung wie sie.
Einmal hatte es einen kleinen Jungen gegeben, dessen Schmerz und Leid nie
gelindert wurden. Nun gab es einen Mann. Voller Kummer dachte ich: Wenn es doch
nur genügend Menschen gäbe, die Zuneigung empfinden und ohne Rücksicht lieben
könnten!
. . .
„Wir
haben eine wunderbare Zeit zusammen verbracht, die ich um nichts in der Welt hätte
tauschen mögen. Du hast dich sehr verändert. Ich übrigens auch. Wir sind
zusammen gewachsen, und jetzt ist es an der Zeit zu prüfen, ob das Wachsen gut
war. Ich glaube, wir können das jetzt. Du auch. Du kannst jetzt allein
weiterkommen, du bist stark genug." Plötzlich liefen ihr die Tränen aus
den Augen. Aber sie blieb bewegungslos, blinzelte nicht und stützte immer noch
das Gesicht auf die Hände. Ich fand keine Worte mehr. Ich vergaß so oft, daß
sie erst sechs war. Sie würde erst im Juli sieben werden. Ich vergaß es, weil
ihre Augen so alt waren.
. . .
Ich
gehörte der "Besser-geliebt-und-gelitten-Schule" an, die im
Erziehungswesen wenig populär war. Die Kurse und die Professionellen predigten
gegen zu großen Gefühlsaufwand. Aber ich konnte das nicht, ich konnte nicht
sinnvoll unterrichten, ohne Gefühle zu investieren. Und weil ich zur
Geliebt-und-gelitten-Schule gehörte, konnte ich, wenn das Ende kam, aufgeben.
Es tat immer weh, und je mehr ich ein Kind liebte, desto mehr schmerzte es. Aber
wenn es soweit war, daß wir uns trennen mußten oder ich das Kind aufgeben mußte,
weil ich nichts mehr für es tun konnte, dann brachte ich es fertig zu gehen.
Ich brachte es fertig, weil ich jedesmal die kostbaren Erinnerungen an unsere
enge Beziehung mitnehmen konnte und glaubte, daß man sich nichts Besseres
schenken konnte als gute Erinnerungen.
. . .
"Warum
bleibst du nicht hier und machst mich gut?", fragte sie endlich. "Weil
nicht ich es bin, die dich gut macht. Du tust das. Ich bin nur hier, damit du
weißt, daß es jemand gibt, dem es wichtig ist, ob du gut bist oder nicht. Daß
jemand Anteil an dir nimmt. Und dabei spielt es keine Rolle, wo ich bin, denn
ich werde trotzdem immer an dich denken."
. . .
"Ich
bin deine Lehrerin, und wenn das Schuljahr zu Ende ist, werde ich deine Freundin
sein. Das werde ich bleiben. Solange du willst, werde ich deine Freundin
sein."
. . .
Sie
hob den Kopf. "Was ich nicht verstehen kann, ist, warum alles Gute immer
aufhört." "Alles geht einmal zu Ende." "Nicht alles. Nicht
das Schlechte. Das hört nie auf." "Doch, auch das. Wenn du es zuläßt,
hört auch das Schlechte auf. Nicht so schnell, wie man es sich oft wünscht,
aber es hört auf. Was nicht zu Ende geht, sind die Gefühle, die man füreinander
hat. Selbst wenn du erwachsen bist und ganz woanders lebst, kannst du dich an
die gute Zeit erinnern, die wir zusammen erlebt haben. Selbst wenn es dir mal
ganz schlecht geht und es so aussieht, als würde sich nie was ändern, kannst
du dich an mich erinnern. Und ich werde mich an dich erinnern."
. . .
Bei
der Arbeit mit den seelisch behinderten Kindern hatte mich ihre Widerstandskraft
tief beeindruckt. Entgegen der allgemeinen Anschauung, waren sie alles andere
als zerbrechlich. Ihr Überleben war das beste Zeugnis dafür. Wenn man ihnen
das Rüstzeug gibt, das wir fast alle für selbstverständlich halten, wenn man
ihnen Liebe, Hilfe, Vertrauen und Selbstachtung gibt, etwas, das wir, wenn wir
es haben, kaum wahrnehmen, dann können sie über das Überleben hinaus
erfolgreich sein. Bei Sheila war das ganz offensichtlich. Sie würde nicht
aufgeben.
Rezensionsversuch:
Dieses Buch erzählt
von dem Ringen der Lehrerin und Psychologin um die aus zerrütteten Verhältnissen
kommende, psychisch schwer gestörte Sheila.
Durch ihre Art,
einfühlsam und emotional zu schreiben, bringt Torey L. Hayden einem die
psychischen Krankheiten, geistigen Behinderungen und Verhaltensstörungen von
Kindern und Jugendlichen nahe und nimmt ihnen gleichzeitig ihren Schrecken.
Ein wunderschön
geschriebenes Buch, ebenso wie all die anderen Geschichten über Torey`s Kinder.
Die
Autorin arbeitete als Psychologin, Sonderschullehrerin und Universitätsdozentin
in den Vereinigten Staaten. Dabei praktizierte sie eine ungewöhnliche, über
alle Lehrbücher hinausweisende Pädagogik des Herzens.
Klappentext:
Sheila
ist sechs Jahre alt, als sie einen Dreijährigen an einen Baum fesselt und
versucht, ihn zu verbrennen. Sie soll in die psychiatrische Anstalt eingeliefert
werden, doch da dort noch kein Platz frei ist, kommt sie vorübergehend in die
Obhut der Lehrerin Torey L. Hayden, die eine „Spezialklasse“ von acht körperlich,
geistig und psychisch schwer behinderten Kindern leitet.
Sie entdeckt hinter Sheilas unberechenbarer Grausamkeit und Wut die Angst und
Verletzlichkeit eines verlassenen und vernachlässigten Kindes. Sie erkennt
ihren aus der Not geborenen Willen zum Überleben und ihre überdurchschnittliche
Intelligenz. Die behutsame und
beharrliche Liebe der Lehrerin vermag allmählich Sheilas Unnahbarkeit in
Vertrauen zu wandeln: Das Mädchen beginnt, die Zuneigung zu erwidern und
erlaubt sich schließlich selbst, Gefühle zu zeigen. Nun ist Sheila auch stark
genug, die notwendige Trennung zu ertragen und den ersten Schritt nach draußen
in die „normale“ Gesellschaft zu wagen.
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