Weg!?
 

Eines Tages, nicht ganz so früh, wache ich auf und rieche Kaffee.

Ich liebe Kaffeeduft und freudig hüpfe ich aus dem Bett. Sicher wollten sie mich ausschlafen lassen, weil es gestern etwas spät geworden ist, denke ich und registriere meinen knurrenden Magen, für den es wohl auch schon etwas spät ist.

Zuerst sieht noch alles normal aus, doch die Verbindungstür, die den vorderen Bereich des Hauses mit den hinteren Schlafräumen trennt, ist noch fast ganz geschlossen, abgesehen von einem kleinen Spalt, der immer offen steht, seit wir die Katze haben. Im Holz der Tür und daneben an der Wand sind Kratzspuren zu sehen. Hätten wir diesen Spalt nicht eingeführt, hätte sie sich sicher irgendwann durchgekratzt.

Doch die Katze ist nirgends zu sehen, obwohl sie sonst immer, wenn ich das Schlafzimmer verlasse, sofort um meine Beine streicht, quietscht und um irgendetwas bettelt, Zärtlichkeit, Futter oder einfach Zeit. Und alles ist so unnatürlich still. Ich denke an die Helden von Horrorfilmen oder Western, sehe im Geiste einen Wüstenroller an mir vorbeiziehen. Ich grinse etwas gequält, weil mir plötzlich etwas unheimlich zumute ist, ziehe eine imaginäre Pistole und öffne die Verbindungstür ganz. Ich rufe hallo, bekomme keine Antwort und gehe vorsichtig weiter.

Die Wohnung sieht aus, als hätten ihre Bewohner sie überstürzt verlassen müssen. Auf dem Boden neben der Blumentreppe liegt eine Gießkanne in einer kleinen Pfütze, das Frühstück steht am Tisch, doch die Teller sind sauber und die Tassen unberührt. Der Schinken und der Käse auf dem Teller in der Mitte sind hübsch arrangiert, aber etwas trocken, das Gemüse ist klein geschnitten und sieht nur ein bisschen welk aus.

Der braune Kaffee in der Kanne duftet und als ich die Kanne berühre, ist sie noch warm.

Das vergitterte Fenster steht sperrangelweit offen, der Vorhang bläht sich, fällt in sich zusammen und bläht sich wieder.

In der Küche sieht es so aus, als wäre dort ein Frühstück bereitet worden, was ungewöhnlich ist,
weil bei uns immer, bevor wir uns dem Frühstück widmen, die Küche in einen halbwegs akzeptablen Zustand gebracht wird, schon allein wegen der Katze, und vor allem der Geschirrspüler aus- und eingeräumt wird. Der Geschirrspüler ist offen und halb leer. (oder halb voll, so genau kann ich mich jetzt nicht damit beschäftigen.)

Ich runzle die Stirn und kratze mich gedankenverloren am Kopf. Ich schlafe doch sonst nie so tief,
was habe ich bloß nicht mitbekommen.

Obwohl ich im tiefsten Inneren weiß, dass der unberührte Schinkenteller ein untrügliches Indiz ist für die Abwesenheit der Katze, rufe und suche ich die Katze überall, locke sie mit Futter und ihren Lieblingsspielen, denen sie noch nie widerstehen konnte. Doch die Katze bleibt verschwunden.
Ob sie draußen ist? Aber nein, sie ist doch eine reine Hauskatze und darf nicht raus, weil da Autos fahren und wir viel zu viel Angst um sie haben.
Wo sind sie denn nur? Mußten sie vielleicht fliehen?  Vor wem oder was und warum und vor allem, warum ohne mich? Wußten sie nicht, dass ich da bin?  So könnte es sein. Denn
schließlich ist ja auch die Katze weg.

 

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